Süddeutsche Zeitung vom 17.03.98
Politik

„Wir bedauern zutiefst die Fehler und die Schuld der Söhne und Töchter der Kirche“
„Eine unaussprechliche Tragödie“

Der Vatikan veröffentlicht eine Erklärung zur christlichen Judenfeindschaft in der Geschichte mit dem Titel „Wir erinnern. Eine Reflexion über die Shoah“.

Der Vatikan hat am Montag ein Dokument zum Holocaust herausgegeben. Die Süddeutsche Zeitung dokumentiert das von der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) übersetzte Schreiben, das von der „Kommission für die religiösen Beziehungen mit dem Judentum“ verantwortet wird, in Auszügen:

I.
Die Tragödie der Shoah und die Pflicht zu erinnern

Das gegenwärtige Jahrhundert wurde zum Zeugen einer unaussprechlichen Tragödie, die niemals vergessen werden kann: Der Versuch des nazistischen Regimes, das jüdische Volk auszurotten, mit der daraus folgenden Ermordung von Millionen von Juden. Nur sehr wenige von denen, die in Konzentrationslagern interniert wurden, überlebten. Und die Überlebenden blieben für ihr ganzes Leben vom Terror gezeichnet. Dies war die Shoah: Eines der größten Dramen der Geschichte dieses Jahrhunderts, ein Faktum, das uns auch heute noch betrifft.

Gegenüber diesem fürchterlichen Völkermord, an den die Verantwortlichen der Nationen und auch der jüdischen Gemeinden, zu dem Augenblick, da er mit letzter Unbarmherzigkeit durchgeführt wurde, nur schwer glauben konnten, kann niemand gleichgültig bleiben; am wenigsten von allen die Kirche, auf Grund ihrer engsten spirituellen Verwandtschaft mit dem jüdischen Volk und ihrer Erinnerung an die Ungerechtigkeiten der Vergangenheit. Die Beziehung der Kirche mit dem jüdischen Volk unterscheidet sich von jener, die sie mit jeder anderen Religion hat.

Indem wir uns mit diesem Gedanken an unsere in aller Welt lebenden Brüder und Schwestern der katholischen Kirche wenden, bitten wir alle Christen, sich mit uns zu vereinen in der Reflexion über die Katastrophe, die das jüdische Volk traf und über den moralischen Imperativ, dafür einzutreten, daß der Egoismus und der Haß niemals mehr so weit anwachsen, daß sie Leiden und Tod säen. In besonderer Weise bitten wir unsere jüdischen Freunde, ,deren schreckliches Schicksal zum Symbol der Verirrung geworden ist, in die der Mensch gerät, wenn er sich gegen Gott wendet‘, ihr Herz zu öffnen, um uns anzuhören.

II.
Woran wir uns erinnern müssen

Das jüdische Volk hat in seinem einzigartigen Zeugnis für den Heiligen Israels und für die Thora zu verschiedenen Zeiten und an vielen Orten schwer gelitten. Doch die Shoah war sicherlich das schlimmste von allen Leiden. Die Unmenschlichkeit, mit der die Juden in diesem Jahrhundert verfolgt und hingeschlachtet wurden, läßt sich nicht in Worte fassen. Und all dies wurde ihnen nur aus dem einzigen Grund angetan, daß sie Juden waren. Die Ungeheuerlichkeit dieses Verbrechens wirft viele Fragen auf. Doch ein derartiges Ereignis kann nicht allein durch die üblichen Kriterien der Geschichtsforschung erfaßt werden. Es ruft zu einer „moralischen und religiösen Erinnerung“ auf, und – insbesondere unter Christen – zu einer sehr ernsthaften Reflexion über die Gründe, die es hervorriefen. Die Tatsache, daß die Shoah in Europa stattfand, das heißt in Ländern mit einer langen christlichen Zivilisation, wirft die Frage nach der Beziehung zwischen der Verfolgung durch die Nationalsozialisten und der Haltung der Christen gegenüber den Juden während der Jahrhunderte auf.

III.
Die Beziehung zwischen Juden und Christen.

In der Tat ist die Bilanz dieser Beziehungen während der 2000 Jahre eher negativ gewesen. In den Anfängen des Christentums kam es zu Auseinandersetzungen zwischen der Urkirche und den Führern der Juden und des jüdischen Volkes. Erregte Gruppen von Christen, die die heidnischen Tempel überfielen, taten in einigen Fällen dasselbe gegenüber den Synagogen, nicht zuletzt unter dem Einfluß bestimmter irriger Auslegungen des Neuen Testaments.

,In der christlichen Welt – ich sage nicht von seiten der Kirche als solcher – zirkulierten für zu lange Zeit irrige und ungerechte Interpretationen des Neuen Testaments in Bezug auf das jüdische Volk und seine angebliche Schuld und riefen feindselige Empfindungen gegenüber diesem Volk hervor.‘ (Johannes Paul II., Anmerkung der Redaktion) Derartige Interpretationen des Neuen Testaments wurden vom Zweiten Vatikanischen Konzil endgültig zurückgewiesen.

Antijüdische Empfindungen in einigen christlichen Kreisen und der Unterschied, der zwischen der Kirche und dem jüdischen Volk bestand, führten zu einer allgemeinen Diskriminierung, die manchmal in Ausweisungen oder Zwangsbekehrungen mündete. In Krisenzeiten wie Hungersnöten, Kriegen, Seuchen oder sozialen Spannungen wurde die jüdische Minderheit oft als Sündenbock genommen und so zum Opfer von Gewalt, Plünderungen bis hin zu Massakern. Im 19. Jahrhundert faßte ein übertriebener und falscher Nationalismus Fuß.

Im 20. Jahrhundert nahm der Nationalsozialismus in Deutschland derartige Ideen als pseudowissenschaftliche Grundlage für eine Unterscheidung zwischen den sogenannten nordisch-arischen und angeblich niederen Rassen.

Die Kirche in Deutschland antwortete darauf mit der Verurteilung des Rassismus. Bereits im Februar und März 1931 veröffentlichten Kardinal Bertram von Breslau, Kardinal Faulhaber und die bayerischen Bischöfe, die Bischöfe der Kirchenprovinz von Köln und jene der Kirchenprovinz von Freiburg Hirtenbriefe, die den Nationalsozialismus mit seiner Vergötzung der Rasse und des Staates verurteilten. Im Jahr der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten, 1933, stießen die wohlbekannten Adventspredigten Kardinal Faulhabers, denen nicht nur Katholiken, sondern auch Protestanten und Juden beiwohnten, bei der nazistisch-antisemitischen Propaganda auf entschiedene Ablehnung. Im Gefolge der Kristallnacht sprach Bernhard Lichtenberg, der Domprobst von Berlin, öffentliche Gebete für die Juden. Er starb später in Dachau und wurde seliggesprochen.

Auch Papst Pius XI. verurteilte den Rassissmus der Nationalsozialisten in feierlicher Form in der Enzyklika ,Mit brennender Sorge‘, die am Passionssonntag 1937 in den Kirchen Deutschlands verlesen wurde und zu Angriffen und Sanktionen gegen Mitglieder des Klerus führte. Am 6. September 1938 unterstrich Pius XI. in einer Ansprache an belgische Pilger: ,Der Antisemitismus ist unannehmbar. Spirituell sind wir alle Semiten.‘ Pius XII. warnte seit seiner ersten Enzyklika ,Summi Pontificatus‘ vom 20. Oktober 1939 vor den Theorien, die die Einheit der menschlichen Rasse leugneten, und vor der Vergöttlichung des Staates, alles Dinge, von denen er vorhersah, daß sie zu einer wahren ,Stunde des Dunkels‘ führen würden.

IV.
Nazistischer Antisemitismus und Shoah

Nicht übersehen darf man den Unterschied zwischen dem Antisemitismus, der auf Theorien beruht, die der beständigen Lehre der Kirche über die Einheit des Menschengeschlechts und die gleiche Würde aller Rassen und aller Völker widerspricht, und den seit Jahrhunderten andauernden gefühlsmäßigen Verdächtigungen und Feindseligkeiten, die wir Antijudaismus nennen und derer sich leider auch Christen schuldig gemacht haben.

Die nationalsozialistische Ideologie ging noch darüber hinaus, das heißt, sie lehnte die Anerkennung jedweder transzendenten Realität als Quelle des Lebens und Kriterium des sittlich Guten ab. Als Folge davon maßte sich eine Gruppe von Menschen – und der Staat, mit dem sie sich identifiziert hatte – einen absoluten Wert an und beschloß, die Existenz des jüdischen Volkes auszulöschen, jenes Volkes, das berufen war, Zeugnis für den einen Gott und das Gesetz des Bundes abzulegen. Diese extreme Ideologie wurde zur Grundlage der Maßnahmen, die zuerst zur Entwurzelung der Juden aus ihren Häusern und dann zu ihrer Ausrottung unternommen wurden. Die Shoah war das Werk eines typischen modernen neuheidnischen Regimes. Sein Antisemitismus hatte seine Wurzeln außerhalb des Christentums, und es zögerte nicht, sich bei der Verfolgung seiner Ziele der Kirche entgegenzustellen und ihre Mitglieder ebenfalls zu verfolgen.

Aber man muß sich fragen, ob die Verfolgung der Juden durch den Nazismus nicht durch die antijüdischen Vorurteile in den Köpfen und Herzen einiger Christen begünstigt wurde. Machte vielleicht das antijüdische Ressentiment die Christen weniger sensibel oder sogar gleichgültig für die Verfolgungen, die der Nationalsozialismus nach seiner Machtergreifung gegen die Juden in Gang setzte?

Viele wußten nicht das Geringste von der ,Endlösung‘, die gerade gegen ein ganzes Volk unternommen werden sollte; andere hatten Angst um sich selbst und um ihre Lieben; einige zogen Vorteile aus der Situation; andere schließlich trieb der Neid. Anfangs versuchten die Anführer des Dritten Reiches, die Juden auszuweisen. Unglücklicherweise zögerten die Regierungen einiger westlicher Länder christlicher Tradition, einschließlich einiger Länder Nord- und Südamerikas, mehr als es gut war, ihre Grenzen für die verfolgten Juden zu öffnen. Unter jenen Umständen stellt die Schließung der Grenzen gegen die Einwanderung von Juden – sei es aus antijüdischer Feindseligkeit oder antijüdischer Verdächtigung, aus Feigheit oder beschränkter politischer Weitsicht oder nationalem Egoismus – für die in Frage stehenden Autoritäten eine schwere Gewissenslast dar.

Haben die Christen den Verfolgten und im besonderen den Juden jede mögliche Hilfe geleistet? Viele taten es, aber andere nicht. Diejenigen, die halfen, so viele Juden zu retten wie ihnen möglich war, bis zu dem Punkt, das eigene Leben aufs Spiel zu setzen, dürfen nicht vergessen werden. Während des Krieges und danach brachten jüdische Gemeinschaften und Persönlichkeiten ihre Dankbarkeit für das zum Ausdruck, was für sie getan worden war, eingeschlossen auch das, was Pius XII. persönlich oder durch seine Repräsentanten unternommen hatte, um das Leben von Hunderttausenden von Juden zu retten. Viele Bischöfe, Priester, Ordensleute und Laien sind dafür vom Staat Israel geehrt worden.

Trotzdem war, wie Papst Johannes Paul II. eingestanden hat, an der Seite dieser mutigen Männer und Frauen der geistige Widerstand und das konkrete Handeln anderer Christen nicht so, wie man es von einem Jünger Christi hätte erwarten können. Wir können nicht wissen, wie viele Christen in den von den nazistischen Mächten und ihren Verbündeten besetzten oder regierten Ländern mit Schrecken das Verschwinden ihrer jüdischen Nachbarn konstatierten, aber dennoch nicht stark genug waren, ihre Stimme zum Protest zu erheben. Für die Christen muß diese schwere Gewissenslast ihrer Brüder und Schwestern während des Weltkrieges ein Aufruf zur Reue sein.

Wir bedauern zutiefst die Fehler und die Schuld dieser Söhne und Töchter der Kirche. Wir erinnern an und bekräftigen das, was Papst Johannes Paul II. 1988 zu den Leitern der jüdischen Gemeinde von Straßburg sagte: ,Ich bekräftige erneut zusammen mit Ihnen die nachdrücklichste Verurteilung jedes Antisemitismus und jedes Rassismus, die den Prinzipien des Christentums zuwiderlaufen.‘ Die katholische Kirche verurteilt deswegen jegliche Verfolgung, die – wo auch immer und wann auch immer – gegen ein Volk oder eine Gruppe von Menschen unternommen wird. Sie verurteilt in nachdrücklichster Weise jede Form von Völkermord wie auch die rassistischen Ideologien, die ihn möglich gemacht haben. Im Blick auf dieses Jahrhundert schmerzt uns zutiefst die Gewalt, die ganze Gruppen von Völkern und Nationen geschlagen hat.

Besonders erinnern wir an das Massaker unter den Armeniern, an die zahllosen Opfer in der Ukraine in den dreißiger Jahren, den Völkermord an den Zigeunern, der ebenfalls eine Folge rassistischer Ideen war, und an ähnliche Tragödien in Amerika, in Afrika und auf dem Balkan. Und nicht vergessen bleiben sollen die Millionen Opfer der totalitären Ideologie in der Sowjetunion, in China, in Kambodscha und anderswo. Und auch das Drama im Mittleren Orient können wir nicht vergessen, dessen Ausmaße wohlbekannt sind. Auch während wir uns die vorliegenden Gedanken machen, ,werden allzu viele Menschen weiterhin zu Opfern ihrer eigenen Brüder‘.

V.
Mit gemeinsamen Blick auf eine gemeinsame Zukunft

Mit Blick auf die Zukunft der Beziehung zwischen Juden und Christen bitten wir unsere katholischen Brüder und Schwestern, zuerst das Bewußtsein der jüdischen Wurzeln ihres Glaubens zu erneuern. Wir bitten sie, sich daran zu erinnern, daß Jesus ein Nachkomme Davids war; daß die Jungfrau Maria und die Apostel aus dem jüdischen Volk geboren wurden; daß die Kirche aus den Wurzeln jenes edlen Ölbaumes Lebenskraft schöpft, auf den die Zweige des wilden Ölbaums der Heiden aufgepfropft wurden (vgl. Röm 11,17-24); daß die Juden unsere geliebten Brüder und in einem gewissen Sinne wirklich unsere ,älteren Brüder‘ sind.

Am Ende dieses Jahrtausends möchte die katholische Kirche ihr tiefes Bedauern für die Versäumnisse ihrer Söhne und Töchter zu jeder Zeit bekunden. Es handelt sich um einen Akt der Reue (teshuva): Als Mitglieder der Kirche teilen wir in der Tat sowohl die Sünden wie die Verdienste all ihrer Kinder. Die Kirche nähert sich mit tiefem Respekt und großem Mitleiden der Erfahrung der Vernichtung, der Shoah, die das jüdische Volk während des Zweiten Weltkriegs erlitt. Es handelt sich nicht nur um einfache Worte, sondern um eine verbindliche Verpflichtung.

Wir beten darum, daß unser Schmerz über die Tragödie, die das jüdische Volk in unserem Jahrhundert erlitten hat, zu neuen Beziehungen mit dem jüdischen Volk führt. Wir möchten das Bewußtsein der Sünden der Vergangenheit in einen entschiedenen Einsatz für eine neue Zukunft wandeln, in der es niemals mehr antijudaistische Ressentiments unter den Christen und antichristliche Ressentiments unter den Juden gibt, sondern im Gegenteil, einen gegenseitigen Respekt, wie dies jenen zukommt, die den einzigen Schöpfer und Herrn verehren und einen gemeinsamen Vater im Glauben haben, Abraham.

Schließlich laden wir alle Männer und Frauen guten Willens dazu ein, intensiv über die Bedeutung der Shoah nachzudenken. Die Opfer aus ihren Gräbern und die Überlebenden durch ihr lebendiges Zeugnis, dessen was sie erlitten haben, sind zu einem unüberhörbaren Schrei geworden, der die Aufmerksamkeit der gesamten Menschheit weckt. Sich an das schreckliche Drama zu erinnern heißt, sich umfassend der heilsamen Mahnung bewußt zu werden, die es in sich birgt: Man darf den vom Antijudaismus und Antisemitismus infizierten Samen niemals mehr gestatten, im Herzen des Menschen Wurzeln zu schlagen. SZonNet: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutscher Verlag GmbH, München