Süddeutsche Zeitung vom 17.03.98
Politik

„Eine unsägliche Tragödie“
Vatikan räumt Mitschuld von Christen an der Judenverfolgung ein

Die katholische Kirche sieht die Ermordung von Millionen Juden durch die deutschen Nazis als „unsägliche Tragödie“ an, der sich ein Teil der Christen nicht genügend widersetzt habe. „Wir bedauern zutiefst die Irrtümer und die Schuld dieser Söhne und Töchter der Kirche“, heißt es in einem am Montag veröffentlichten Dokument des Vatikans. Darin werden alle Katholiken aufgerufen, das Bewußtsein der jüdischen Wurzeln ihres Glaubens zu erneuern und sich darauf zu besinnen, daß die Juden in gewissem Sinne ihre „älteren Brüder“ seien. Jesus sei ein Abkömmling Davids, aus dem jüdischen Volk seien die Jungfrau Maria und die Apostel geboren worden.

Die seit langem erwartete Denkschrift, die der australische Kurienkardinal Edward Cassidy als Präsident der Kommission für die religiösen Beziehungen mit dem Judentum vorlegte, trägt den Titel „Wir erinnern uns: eine Betrachtung über die Shoah.“ Sie unterscheidet zwischen dem rassistischen Antisemitismus, der den Lehren der Kirche widerspreche, und dem Antijudaismus, einem aus Jahrhunderten tradierten Gemisch aus Verdächtigungen und Feindseligkeiten, „deren sich leider auch Christen schuldig gemacht haben“.

Zwar sei die Shoah „das Werk eines typischen modernen neuheidnischen Regimes“ gewesen, heißt es, doch müsse man sich fragen, ob die Judenverfolgung der Nazis nicht durch antijudaistische Vorurteile einiger Christen erleichtert worden sei. „Eine Antwort darauf kann nur für jeden einzelnen Fall gegeben werden.“ In der zweitausendjährigen Geschichte des Christentums hätten indes, wie das Dokument einräumt, „antijudaistische Empfindungen in einigen christlichen Kreisen und die bestehende Divergenz zwischen der Kirche und dem jüdischen Volk zu einer allgemeinen Diskriminierung geführt“. Diese sei manchmal in Vertreibungen oder Zwangstaufen gemündet. Die jüdische Minderheit sei mißtrauisch beobachtet und in Krisenzeiten zum Sündenbock gemacht worden, „sie wurde Opfer von Gewalttaten, Plünderungen und sogar Massakern“. Zum Ende des zweiten Jahrtausends ihrer Geschichte wünscht die katholische Kirche dem Text zufolge „ihr tiefes Bedauern für die Verfehlungen ihrer Söhne und Töchter in jeder Epoche“ auszudrücken. „Es handelt sich um einen Akt der Reue“, heißt es weiter. „Die Kirche nähert sich mit tiefem Respekt und großem Mitleid der Erfahrung der Vernichtung, der Shoah, die das jüdische Volk während des Zweiten Weltkriegs erlitten hat.“ Mit Blick auf die NS-Zeit verweist das Dokument zugleich darauf, daß die deutschen Kardinäle Bertram und Faulhaber und andere Bischöfe, etwa in Bayern, den Nationalsozialismus verdammt hätten. Auch Papst Pius XI. habe in seiner Enzyklika „Mit brennender Sorge“ den Antisemitismus verurteilt. Viele Geistliche und Laien hätten sich, teils unter großen Gefahren, für Juden eingesetzt.

Auch Pius XII. wird dabei erwähnt – ein heikler Punkt der Erklärung, da dem damaligen Papst vielfach vorgeworfen wurde, er habe sich nicht klar genug gegen Hitler gestellt. Pius XII. habe persönlich oder durch Beauftragte Hunderttausenden Juden das Leben gerettet und dafür Anerkennung auch von jüdischer Seite erhalten, heißt es dazu. Dem israelischen Oberrabbiner Israel Lau ist dies zu wenig. Er verlangt eine unmißverständliche Entschuldigung für „die beschämende Einstellung“ von Pius XII.
(Seite 4 und Seite 13)
Klaus Brill
SZonNet: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutscher Verlag GmbH, München