Süddeutsche Zeitung v. 17.03.98
Meinungsseite
Eine unvollständige Gewissenserforschung
Der Vatikan beklagt deutlich wie nie christlichen Antijudaismus – doch ein „mea culpa“ bleibt aus
Von Matthias Drobinski

Ein großes Schuldbekenntnis hatten viele erhofft, die sich für den christlich-jüdischen Dialog einsetzen, ein „mea culpa“ der katholischen Kirche für die jahrhundertelange Judenfeindschaft und dafür, daß sie bis hin zu Papst Pius XII. zu wenig tat, um die Judenvernichtung der Nationalsozialisten zu bekämpfen. Hatte doch Papst Johannes Paul II., der selber jüdische Schulkameraden hatte, im Oktober vergangenen Jahres ein Antisemitismus-Symposium in den Vatikan geladen und an dessen Ende in einer beeindruckenden Rede eine „Gewissenserforschung“ der Kirche angemahnt. Die Aufarbeitung der Vergangenheit an der Schwelle zum dritten Jahrtausend ist ein besonderes Anliegen des Papstes.

Doch was die Kommission aus Historikern und Theologen unter der Leitung des australischen Kurienkardinals Edward Idris Cassidy nun nach knapp einem halben Jahr unter dem Titel „Wir erinnern uns: Eine Reflexion über die Shoah“ vorgelegt hat, wird manche der hochgesteckten Erwartungen enttäuschen.

Daß der Text die Frage nach Schuld oder Unschuld von Papst Pius XII. nicht beantworten würde, der öffentlich zur Judenverfolgung schwieg, über diplomatische Kanäle aber zahlreiche Juden rettete („Hunderttausende“, sagt die Erklärung), war zu erwarten. Ohne die Öffnung der vatikanischen Archive wird diese Streitfrage nicht zu klären sein. Darüber hinaus jedoch enthält das Dokument einige Geschichtsglättungen: Der kompromißlerische Breslauer Erzbischof und Vorsitzende der Bischofskonferenz, Kardinal Bertram, gilt ebenso als Verteidiger der Juden wie der mutige Münchner Kardinal Faulhaber oder der Märtyrer Bernhard Lichtenberg. Soll hier politisches Versagen der Kirchen vorschnell entschuldigt werden?

Vor allem aber: Die „Reflexion über die Shoah“ beklagt die Schuld einzelner Christen, die Vorurteile in „einigen christlichen Köpfen“, die „Irrtümer und Fehler jener Söhne und Töchter der Kirche“. Die Kirche selber hat also nicht geirrt, die fehlgeleiteten Schafe sind schuld. Und das IV. Laterankonzil von 1215, das von den Juden verlangte, andere Kleider anzuziehen, damit sie sich von Christen unterscheiden; das Konzil von Basel (1413-43), das Juden den Besuch der christlichen Universitäten verbot? Die Karfreitagsliturgie, die für die „treulosen Juden“ betete, die Rede von den „Gottesmördern“, offiziell abgeschafft erst im Zweiten Vatikanischen Konzil vor 35 Jahren? In der Verlagerung der Schuld von der (nach katholischem Verständnis unfehlbaren) Kirche auf den Einzelnen liegt die größte Schwäche der Erklärung; zu Recht beklagt der israelische Christentums-Experte Jitzchak Minervi, daß alle Vergehen auf Einzelne abgeschoben werden, während die „kirchlichen Institutionen und die Lehren der Kirche rein und sauber“ blieben. Dieses Konstrukt wird den christlich-jüdischen Dialog nicht gerade beflügeln.

Trotzdem: Noch nie hat der Vatikan so deutlich das Fehlverhalten von Christen gegenüber Juden bedauert, von der Antike, wo Christengruppen Synagogen stürmten bis hin zur Judenvernichtung, dem „Werk eines ganz modernen neuheidnischen Regimes“, an dem aber Christen mit schuldig sind „durch die judenfeindlichen Vorurteile in einigen christlichen Köpfen und Herzen“. Für die Christen bleibt die „schwere Gewissenslast“, die Shoah sei ein „untilgbarer Schandfleck“, hat Papst Johannes-Paul in seinem Begleitschreiben formuliert – das ist ein Auftrag für alle katholischen Pfarrer, Religionslehrer, Pädagogen, Theologen. Zu den stärksten Stellen des Textes gehören die Passagen, die vom fortwährenden Bund Gottes mit den Juden handeln. Die Lehre, wonach der alte Bund vom neuen Bund Gottes mit den Christen abgelöst sei, dürfte mit dieser Erklärung endgültig der Vergangenheit angehören – hier hat der Papst so manchem zögerlichen Theologen Beine gemacht.

Was der Text der Kommission wirklich wert ist, werden die weiteren christlich-jüdischen Debatten zeigen. In der kommenden Woche zum Beispiel findet im Vatikan erstmals ein Treffen mit hochrangigen Vertretern des Judentums statt – eine weitere Bewährungsprobe für die christliche Vergangenheitsbewältigung. SZonNet: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutscher Verlag GmbH, München