taz v. 13.12.97

"Die gleichen Sekundärtugenden"
Ex-Bundeswehrdozent Rödiger zu Rechtsextremismus und Militär

Interview Ute Scheub

Frank Rödiger war 32 Jahre Soldat und 15 Jahre Dozent an der Hamburger Führungsakademie der Bundeswehr. 1994 ging er in den vorzeitigen Ruhestand, seitdem leitet er die Europäische Akademie des Gustav-Stresemann-Instituts in Bad Bevensen.

taz: Wir alle rätseln: War die Einladung Roeders in die Führungsakademie Absicht oder Versehen?

Frank Rödiger: Es sieht alles nach einem Versehen aus. Wenn Sie unter Offizieren fragen, kennt kaum jemand den Namen Roeder. Mir ist jedoch auch wichtig, deutlich zu machen: Hier haben nicht Dozenten der Akademie eingeladen, sondern Stabsoffiziere: Das war eine Weiterbildungsmaßnahme des Akademiestabes.

Verweist das nicht auf enorme Bildungsdefizite?

Ich habe auch kein Verständnis dafür, daß Offiziere so etwas nicht wissen. Das andere ist, wie man jetzt damit umgeht. Man muß Offizieren einfach mehr politisches Einfühlungsvermögen beibringen.

Woher rührt die Affinität der Rechtsextremen zum Militär?

Beide pflegen die gleichen Sekundärtugenden: Vaterlandsverteidigung, Ordnung, Gehorsam, Disziplin. Rechtsextreme verwenden sie, um die Demokratie abzubauen, bei der Bundeswehr sind sie funktional.

In diesem Jahr sind 126 rechtsextreme Straftaten in der Bundeswehr bekanntgeworden. Der Militärische Abschirmdienst geht von 760 aktiven Rechtsextremen in der Bundeswehr aus.

Die Zahlen, die Sie nennen, sind erschreckend. In Streitkräften ist das besonders verhängnisvoll, weil sie das schärfste Schwert der politischen Führung sind.

Was ist Ihre Antwort darauf?

Man muß mit den Menschen reden, ihnen die Zusammenhänge zwischen ihren Wertehierarchien und Sekundärtugenden und denen der Rechten erklären. Gerade das Thema Rechtsextremismus kann man nicht in einem Tag abhandeln. Das muß im Gespräch, in der Truppe ständig parat sein. Wenn ich hier Seminare mit jungen Leuten mache, merke ich: Mit denen kann man reden.

Ex-General Schmückle und der Militärhistoriker Wette behaupten, die weltweit operierenden Streitkräfte der Bundeswehr zögen immer mehr Rambos an.

Die Bundeswehr ist in einem Dilemma. Für robustes Peacekeeping braucht sie Soldaten, die einerseits nicht beim ersten Knall umfallen, andererseits aber in einem fremden Land zu Empathie fähig sind. Wir müssen diese Menschen auch über fremde Kulturen aufklären: Wo verletzt ihr Menschen? Wo greift ihr in kulturelle Traditionen ein? Als UN-Soldaten oder auch Beobachter müssen sie wissen, was sie tun. Wenn ein bewaffneter Soldat in ein bosnisches Wahllokal kommt, wie es mir neulich geschildert wurde, müssen sie überlegen: Stellt er sich nur vor dem Regen unter oder bedroht er die Leute? Das erfordert viel Feinfühligkeit.

Viele Probleme der Bundeswehr rühren aus ihrem ambivalenten Verhältnis zur Vergangenheit. Sollte Rühe nicht demonstrativ Reemtsmas Wehrmachtsausstellung anschauen?

Sicherlich könnte er das. Der Preis für unsere Vergangenheit ist, daß wir nicht das tun können, was andere Armeen machen: Helden verehren.

TAZ Nr. 5407 vom 13.12.1997 Seite 6 Inland
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