SZ vom 13.12.1997

Neue Armee, alter Geist?

VON KURT KISTER

Jetzt geht alles wieder seinen gewohnten Bonner Gang: Der Verteidigungsausschuß konstituiert sich als Untersuchungsausschuß, der Minister lastet Untergebenen Fehler an, ein CDU-Staatssekretär spricht von einer Kampagne der Medien und der Linken, die Wehrbeauftragte fordert mehr und bessere politische Bildung in der Armee. Es wird Podiumsdiskussionen geben, auf denen die einen vor dem braunen Morast in den Streitkräften warnen, während die anderen die pauschale Diffamierung der Bundeswehr beklagen. Das Muster, nach dem auch diese Debatte ablaufen wird, ist hinlänglich bekannt.

Das Problem ist so alt wie dieser deutsche Staat, und es war schon virulent, als man zu Beginn der fünfziger Jahre im Amt Blank an der Konzeption einer „neuen“ Armee arbeitete. Einerseits maß man der Bundeswehr große Aufgaben zu. Sie sollte ein politisches Instrument für das überwölbende Ziel der Westintegration sein; sie sollte den neuen, alten Feind aus dem Osten abschrecken und notfalls bekämpfen. Andererseits aber sollte sie sich grundlegend unterscheiden von allen deutschen Armeen vor 1945 – vor allem von jener Wehrmacht, die seit 1939 als williges Instrument der NS-Führung die Welt zwischen Kirkenes und El Alamein mit Krieg überzogen hatte. Die „Armee in der Demokratie“, der „Staatsbürger in Uniform“ und die völlige Integration in die NATO waren Konzepte, um die Bundeswehr als Antithese zur Wehrmacht zu schaffen.

Dies gelang zunächst – wie in vielen Institutionen der Bundesrepublik – nur bedingt. Bis in die siebziger Jahre hinein bestimmten Offiziere, die in Reichswehr und Wehrmacht sozialisiert worden waren, das „innere Gefüge“ der Bundeswehr. Gewiß, unter ihnen gab es viele Reformer, für deren Ideen und Wirken Namen wie Baudissin oder de Maizière stehen. Zahlreicher aber waren die Traditionalisten, die im Soldatsein einen mythisch verklärten Beruf „sui generis“ sahen, die hämisch vom „inneren Gewürge“ sprachen, und die sich – mit Ritterkreuzen zur Gala-Uniform – schon äußerlich in die „soldatische Tradition“ der Wehrmacht stellten. Kein anderer Streit hat die Auseinandersetzung innerhalb der Armee jahrzehntelang so sehr geprägt wie der Konflikt zwischen Reformern und Traditionalisten – obwohl es nur gelegentlich zu öffentlichen Eruptionen kam wie etwa bei der Einladung des Alt-Nazis Rudel zu einem Vortrag. Es ist alles also schon mal dagewesen.

Ein notwendiges Übel

Diesen geistigen Bürgerkrieg in der Armee haben die Traditionalisten verloren, auch wenn Roeders Hamburger Rede oder grölende Oberfeldwebel einen anderen Eindruck nahezulegen scheinen. Es ist eingetreten, was sich die Reformer schon vor 40 Jahren erhofft hatten: Die demokratische Gesellschaft hat die Armee „zivilisiert“. Nur eine verschwindend geringe Minderheit der Bevölkerung billigt dem Militär eine Sonderrolle zu; traditionelle (besser: traditionalistische) „militärische Werte“ wie Opfermut, Tapferkeit vor dem Feind oder Gehorsam sind in dieser Republik zugunsten „postmaterieller Werte“ nahezu verschwunden. Wir haben aus der Geschichte, aus unserer Geschichte gelernt: Es gibt in Deutschland eine riesige Koalition derer, die den Krieg nicht mehr als die legitime Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln betrachten.

Millionen junger Deutscher haben als Wehrpflichtige oder Zeitsoldaten die Bundeswehr durchlaufen; viele haben sich über die bürstenhaarige Zackigkeit mancher Vorgesetzter geärgert und später amüsiert. Das Entscheidende aber ist, daß sie der Bundeswehr ihren Stempel aufgedrückt haben. Wie viele Firmen und Behörden ist die Armee eine bürokratische Großorganisation, in der im Alltag soziale Sicherheit, das korrekte Ausfüllen von Stärke- und Ausrüstungsnachweisen sowie die Weihnachtsdienstbefreiung mehr zählen als das Verzögerungsgefecht oder die Erinnerung an General Guderian. Das Sozialprestige des Offiziers ist in der Skala der Berufe im unteren Drittel angesiedelt. Die Deutschen lieben ihre Armee nicht, aber sie respektieren sie als notwendiges Übel. Durchaus, man hat Hochachtung vor den SFOR-Soldaten in Bosnien oder den Deichkämpfern an der Oder. Genauso aber schätzt man die Leistungen der Feuerwehr oder der Polizei. In diesem Sinne ist die Bundeswehr heute eine Armee wie keine andere in der deutschen Geschichte. Dies ist ein bemerkenswerter Erfolg – auch wenn er von manchen Linken, die immer noch den Staat im Staate fürchten, und manchen Rechten, die ihn gerne hätten, kaum wahrgenommen wird.

Häuserkampf als Erfüllung

Was aber hat es dann auf sich mit den Extremisten in Uniform, denen, die auf Türken Jagd machen oder Führers Geburtstag feiern? In der Summe sind es zu viele, um Rühes These von den „Einzelfällen“ zu stützen, auch wenn die Zahl der „besonderen Vorkommnisse“ (130) im Vergleich zur Stärke der Bundeswehr (340 000 Soldaten) gering ist. Es gibt ein Bündel von Ursachen dafür. Zum einen ziehen Organisationen wie die Streitkräfte, aber auch Polizei und früher der Bundesgrenzschutz, Leute an, die sich in hierarchischen Strukturen wohl fühlen, die nach „Kameradschaft“ in Uniform streben und für die Ordnung ein Wert an sich ist. Diese Eigenschaften definieren allein keineswegs Extremismus, aber sie sind jedem Rechtsextremen zu eigen.

Hinzu kommt, daß die allermeisten Neo-Nazis im Typus des „Kämpfers“ ihr Idealbild menschlicher Existenz sehen. In der vorsichtigen Gesellschaft der Bundesrepublik macht sich strafbar, wer in seiner Freizeit tarngewandet durch den Wald läuft und mit Farbpistolen auf andere Spieler schießt. In dieser Kultur bietet nur die Armee die Möglichkeit, solche Kämpfer-Phantasien auszuleben. Wiederum: Die wenigsten Soldaten, die in Bonnland Übungshandgranaten schmeißen, sehen den Häuserkampf als Erfüllung ihres Daseins. Einige aber tun es, und die sind bewußt Fallschirmjäger oder Grenadiere geworden.

Drittens schließlich fühlen sich alle Neo-Nazis in der Tradition ihrer kämpfenden Vorväter. Die einzige Institution in Deutschland, die in gewisser Weise an manches anknüpft, was vor 1945 en vogue war, ist die Armee. Gewiß, die Wehrmacht als solche gilt in der Bundeswehr nicht als „traditionsbildend“, wohl aber die „tapferen Taten einzelner“ (Rühe). Schon für studierte Kommandeure eines Panzerbataillons – und dies ist nicht ironisch gemeint – ist es manchmal schwierig zu entscheiden, ob der durchschlagende Angriff eines Tiger-Panzers bei Villers-Bocage im Sommer 1944 „traditionswürdig“ in dem Sinne ist, daß heutige Panzeroffiziere taktisch aus ihm lernen können. Für jenen Rechtsradikalen aber, der den Weg in die Bundeswehr gesucht hat, ist die Antwort klar.

Selbst unsere zivile Armee also kann attraktiv auf die wirken, die am äußersten rechten Rand der Gesellschaft stehen. Trotzdem hat die Bundeswehr einen erstaunlichen Erfolg darin erzielt, tatsächlich zur Antithese der Wehrmacht zu werden. Allerdings wird sie es nur bleiben, wenn sich die Streitkräfte auf diesem Lorbeer nicht ausruhen. Der Auftrag der Reformer darf von Politikern und Offizieren keineswegs als ausgeführt betrachtet werden. Copyright © 1997 - Süddeutsche Zeitung. SZonNet 3.1
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