Die Welt vom 12. Dezember 1997

Roeder bat Hardthöhe persönlich um Hilfe

Rechtsextremist beantragte Material bereits 1993

Von RÜDIGER MONIAC

Bonn - In der Affäre Roeder sind gestern neue Einzelheiten bekannt geworden. Nach Angaben des Bundesverteidigungsministerium hat der mehrfach verurteilte Rechtsextremist schon rund ein Jahr vor seinem Vortrag am 24. Januar 1995 vor der Stabsgruppe der Hamburger Führungsakademie persönlich die Lieferung von ausgesondertem Material als Hilfe für Rußlanddeutsche in der russischen Region Kaliningrad beantragt. Im Verlauf der siebenstündigen Sitzung des Verteidigungsausschusses am Vortag hatte Verteidigungsminister Volker Rühe von diesen Erkenntnissen nicht bericht. Dies nahm die Abgeordnete der Bündnis-Grünen, Angelika Beer, gestern zum Anlaß, den Minister zu beschuldigen, den Ausschuß belogen zu haben. Ein Sprecher des Ministerium reagierte mit "aller Schärfe" und erklärte, Rühe habe von diesem Vorgang in der Ausschußsitzung überhaupt nicht berichten können, weil er erst später davon Kenntnis erhalten habe.

Nach Darstellung des Verteidigungsministeriums hat das "Deutsch-Russische Gemeinschaftswerk" bereits am 21. Dezember 1993 einen Antrag mit der Unterschrift Roeders an das Materialamt des Heeres gerichtet und um materielle Unterstützung für Projekte in "Ostpreußen" gebeten. Diesem Antrag beigefügt waren, so das Ministerium weiter, die Satzung und das Protokoll der Gründungssitzung der Organisation mit Konrad Schneider als erstem und Manfred Roder als zweitem Vorsitzenden, sowie eine Bescheinigung über die Gemeinnützigkeit der Organisation. Dieser Status sei später wieder entzogen worden.

Das ARD-Fernsehmagazin "Panorama", das gestern über den Vorgang berichtete, wurde von der Hardthöhe kritisiert. Offenbar seien die Unterlagen schon seit längerem im Besitz der Redakeutere gewesen, hieß es.Panorama müsse sich fragen lassen, ob sie von Roeder selbst stammen. Wenn angesichts dieses Umstandes versucht werde, Rühe falsche Angaben zu unterstellen, sei das "zumindest pure Heuchelei".

Laut Hardthöhe ist der Roeder-Antrag mit einem Schreiben eines mittlerweile im Ruhestand befindlichen Oberstabsfeldwebel vom Materialamt des Heeres am 3. Januar 1994 beantwortet worden. Darin sei Roeder aufgefordert worden, in dieser Sache einen Antrag an das Verteidigungsministerium, Referat FüS IV 4, zu richten. Am 2. Mai 1994 habe dann die Roeder-Organisation über das Faxgerät von Roeder einen Antragsentwurf mit dem handschriftlichen Vermerk "Herrn OSF Schnitzler mit der Bitte um Rückäußerung, oder der Antrag i.O. ist" gesandt.

Offenbar auf Anraten des Oberstabsfeldwebels sei am 4. Mai ein gleichlautender Antrag an das Materialamt gerichtet worden, erklärte die Hardthöhe. Dieser habe die Unterschrift "Schneider" getragen. Nach weiteren Vorgängen, die von der Hardthöhe exakt geschildert wurden, seien dann Materiallieferungen für die Organisation Roeders genehmigt worden.

Copyright: DIE WELT, 12.12.1997