SZ vom 12.12.1997

Die Malaise beginnt schon lange vor Rühe

Wir sehen Bilder von Nazi-Feiern in deutschen Kasernen, wir lesen die Nachrichten über den Neonazi-Führer an der Führungsakademie – und wir erinnern uns: Vor zwei Jahren, 50 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde erbittert darüber gestritten, ob der 8. Mai 1945 ein Tag der Befreiung war. Die Diskussion erlosch bald wieder. Doch die Frage bleibt: Wie befreit ist – zum Beispiel – die Bundeswehr von der Gesinnung, die in die Katastrophe geführt hat?

Verteidigungsminister Rühe hat bei der Debatte über die Wehrmachtsausstellung erklärt, daß die Wehrmacht als Institution „Tradition nicht begründen kann“. Stimmt das im Kasernenalltag wirklich? Schon die Gründungsgeschichte der Bundeswehr spricht eine eigene Sprache: Die Nazi-Militärführer wurden zu bloßen Gefangenen eines größenwahnsinnigen und stümperhaften Führers erklärt, weil man deren Erfahrungen beim Aufbau der neuen Armee gut brauchen konnte. „Innere Führung“ hätte verlangt, diesen Gründungsmalus nicht zu tabuisieren. Sie hätte auch verlangt, um die Wehrmachtsausstellung nicht einen Bogen zu schlagen. Innere Führung hätte verlangt, die jüngere Militärgeschichte aus dem Schlagabtausch der Bekenntnisse und der Pauschalvorwürfe herauszuholen – und die Soldaten, gemeinsam mit Historikern und lokalen Geschichtswerkstätten, erarbeiten zu lassen, was war und warum es so war. Dies ist nicht geschehen. Wenn die Kommandeure nun die Verantwortung für rechtsextreme Tendenzen an den Minister abschieben, lenken sie von ihrer Verantwortung ab.

Die Malaise beginnt schon lange, lange vor Rühe. Die Bundeswehr hat die falschen Traditionen gepflegt: Rommel war ihr lieber als Stauffenberg. pra

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