SZ vom 12.12.1997

„Rechte Thesen thematisieren“
Generalmajor Reichardt über politische Schulung der Soldaten

Generalmajor Jürgen Reichardt ist Chef des Heeresamtes der Bundeswehr in Köln. Ihm unterstehen alle Schulen des Heeres.Über die Auseinandersetzung mit dem Rechtsradikalismus bei der Ausbildung in der Bundeswehr sprach Peter Blechschmidt mit Reichardt.

SZ: Die Offiziere, die den Neonazi Manfred Roeder an die Führungsakademie der Bundeswehr eingeladen haben, wußten nach ihren eigenen Worten nicht, mit wem sie es zu tun hatten. Kann man das glauben?

Reichardt: Ich weiß nicht, wie es zu der Einladung an Herrn Roeder kam. Aus persönlicher Einschätzung schließe ich eine Einladung aus politischen Motiven, also in Kenntnis der Person des Eingeladenen, vollständig aus.

SZ: Setzen sich die Ausbilder der Bundeswehr im politischen Unterricht mit dem Rechtsradikalismus auseinander?

Reichardt: Es gibt kein Ausbildungsgebiet, das wir in der Bundeswehr mit größerer Sorgfalt und mit größerer Systematik betreiben als die politische Bildung auf allen Ebenen. Anfänge, Merkmale und Auswüchse totalitärer Herrschaft, hier natürlich ganz besonders der Nationalsozialismus, werden behandelt. Da gibt es auch keine Defizite bei den längerdienenden Soldaten. Aber wir erkennen natürlich jetzt auch: Rechtsradikalismus ist etwas anderes. Wie setzt man sich mit Rechtsradikalismus auseinander? Das geschieht doch im Grunde in unserer Gesellschaft überhaupt nicht. Man ist doch weit davon entfernt, rechtsradikale Thesen anzuhören, zu erläutern und zu diskutieren. Kann man das denn überhaupt tun? Auseinandersetzung mit dem Rechtsradikalismus meint doch heute immer das gleiche: Aufklärung über die Verbrechen im Dritten Reich, Aufklärung über die Ziele des Nationalsozialismus und vor allem die Darstellung des Gegensatzes dazu, des freiheitlichen Rechtsstaates. Das geschieht bei uns. Aber was in den Köpfen einiger 20jähriger vorgeht, das wissen wir nicht.

SZ: Die Bundeswehr ist für Träger rechtsradikalen Gedankenguts naturgemäß anfälliger als, sagen wir mal, die Jungsozialisten in der SPD. Ist sich die Bundeswehrführung dessen bewußt?

Reichardt: Die Jungsozialisten sind eine freiwillige Gemeinschaft politisch ähnlich Denkender. Das gilt weder für das Offizierkorps noch für die Bundeswehr insgesamt. Offiziere und Unteroffiziere der Bundeswehrrepräsentieren politische Anschauungen der gesamten Bevölkerung. In der Diskussion fällt aber auf: Zwischen rechtsradikal – „rechts“ – national – konservativ – patriotisch wird längst nicht mehr unterschieden. Dieser Tage fand es jemand bedenklich, daß 20 Prozent der Soldaten nationalkonservativ seien. Wäre dies so, hielte ich das für erstaunlich wenig. Man muß aber etwas anderes bedenken: Alle Offiziere, alle Unteroffiziere haben geschworen, der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen. Diese Grundpflicht des Soldaten geht von einer Bejahung des Staates aus, so wie er ist, von einem aktiven Eintreten für die demokratische Grundordnung und von einem Schutzbedürfnis des deutschen Volkes. Jede vergleichbare Armee dient in erster Linie ihrem Volk und ihrem Staat. Das ist national, und das ist konservativ. Eine Armee kann kein Tummelplatz für progressive Experimente sein. Man kann aber auch den deutschen Soldaten nicht verwehren, was sittliche Grundlage aller anderen Armeen ist. Eine unverbindliche Euro-Armee ließe sich moralisch nur sehr indirekt motivieren und böte alle Voraussetzungen für Söldnermentalitäten.

SZ: Als Außenstehender hat man den Eindruck, daß rechtsradikale Vorkommnisse eher unter den Teppich gekehrt werden, als daß man sich offensiv damit auseinandersetzt. Herrscht hier ein falscher Korpsgeist?

Reichardt: Nicht nur die Soldaten machen sich Gedanken, wie es kommen kann, daß ganz plötzlich Vorkommnisse aus vielen Jahren an die Öffentlichkeit gebracht werden, während aktuelle Vorfälle gegenwärtig überhaupt nicht zu verzeichnen sind. Bezeichnend bei allen Vorkommnissen an den Schulen des Heeres und in der Truppe ist ja, daß in keinem Falle die Handhabung der Disziplinargewalt oder die Wahrnehmung der erzieherischen Aufgaben Anlaß zur Beanstandung gegeben hat. Im Umgang mit Dienstvergehen und Straftaten liegt nicht das Problem.

SZ: Angesichts des Falles Roeder kommen einem da Zweifel.

Reichardt: In der großen Zahl der gegenwärtig publik gewordenen Fälle geht es doch um sehr junge Soldaten. Deren Geschichtsbild und deren politische Kenntnisse sind mehr als dürftig. Gegenwärtig sind aber nicht nur sehr junge Soldaten, sondern auch Vorgesetzte aller Ebenen außerordentlich irritiert. Das Gefühl, wegen einiger weniger schwarzer Schafe insgesamt als unzuverlässig oder sogar staatsgefährdend verdächtigt zu werden, verletzt die Seele der Soldaten, besonders derer in Verantwortung, zutiefst. Hier sehe ich ein ernstes Gefahrenpotential.

SZ: Aber es kann doch nicht falsch sein, wenn Rühe hart durchgreift?

Reichardt: Die disziplinare Ahndung von Dienstvergehen ist die eine Seite. Die andere Frage ist die von Auseinandersetzung, Unterrichtung und Erziehung. Es wird wenig nutzen, nunmehr vermehrt Broschüren auszuliefern oder Einheiten durch Ausstellungen über die Untaten im Dritten Reich zu führen. Es wird jetzt vielmehr darauf ankommen, daß wir Vorgesetzten das Vertrauen unserer Untergebenen wiedergewinnen. Von Ebene zu Ebene.

SZ: Woher rührt der Vertrauensverlust?

Reichardt: Es reicht nicht, die Armee „in den Griff zu nehmen“. Die Untergebenen müssen das Vertrauen fassen, ihre persönlichen Anschauungen mit ihren Vorgesetzten diskutieren zu können. Erst dann kann der Prozeß beginnen, ihnen zu zeigen, wo sie von falschen Annahmen und Voraussetzungen ausgehen und zu welchen Folgen bestimmte Denkansätze führen können. Eine solche Auseinandersetzung muß zulassen, daß auch einmal Ansichten geäußert werden, die insgesamt nicht zu billigen sind. Gelingt uns diese Rückgewinnung des Vertrauens als Vorgesetzte nicht, so sehe ich die Gefahr, daß die Soldaten schweigend über sich ergehen lassen, was sie müssen, ohne daß wir ihre Seele erreichen. Es bilden sich geheime Subkulturen. Wir müssen unsere Kameraden unanfälliger gegen einfache Lösungen und einfache Parolen machen. Das allerdings verlangt, daß man auch in die Vorgesetzten das Vertrauen setzt, ohne das sie ihre Arbeit nicht verrichten können. Verletzende Unterstellungen aber schaffen kein Vertrauen.

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