DER STANDARD, Freitag, 12.Dezember 1997

Das kann bei uns nicht passieren?

HANS RAUSCHER

Die deutsche Bundeswehr wird von neonazistischen Vorfällen erschüttert. Höhepunkt: Ein zu 13 Jahren verurteilter Rechtsterrorist durfte vor der Bundeswehr-Führungsakademie einen Vortrag halten.

„Bei uns kann das nicht passieren!“ sagte der Sprecher des Verteidigungsministeriums zum STANDARD. Tatsächlich ist etwa die Liste der Gastvortragenden an der von Divisionär König geleiteten Landesverteidigungsakademie (von Josef Cap bis Kardinal König) über alle Zweifel erhaben. Das ändert allerdings nichts daran, daß an nicht unwichtigen Stellen des Verteidigungsministeriums Vertreter von klassischen rechtsextremen und „revisionistischen“ Geschichtsbetrachtungen sitzen, was auch schon zu parlamentarischen Anfragen geführt hat. Am bekanntesten ist der Mitarbeiter der Landesverteidigungsakademie Dr.Heinz Magenheimer, der in der vom Verteidigungsministerium herausgegeben Österreichischen Militärischen Zeitschrift (ÖMZ) die besonders in deutschen und österreichischen Rechtsextremistenkreisen propagierte Ansicht vertritt, Hitler sei mit seinem Überfall auf die Sowjetunion am 22.Juni 1941 seinem Gegenüber Stalin nur zuvorgekommen.

Aus dieser „Präventivkriegthese“ läßt sich dann eine Gedankenkette knüpfen, die auf eine Verharmlosung und Rechtfertigung des nationalsozialistischen Vernichtungskrieges hinausläuft: Wenn Hitler Stalins Angriff nur zuvorkommen wollte, dann beabsichtigte er ja gar keinen weltanschaulichen Ausrottungs-und Versklavungskrieg gegen den „jüdischen Bolschewismus“, dann waren die Massenmorde doch „Bandenbekämpfung“ und der Krieg ein heroischer Abwehrkampf gegen den Kommunismus.

Minister Fasslabend hat parlamentarische Anfragen über Magenheimer und Egbert Apfelknab, einen Referatsleiter im Büro für Wehrpolitik, ziemlich flau beantwortet. Diese publizistischen Äußerungen seien nicht dienstlich, sondern als Privatpersonen getätigt worden. Zuletzt erklärte auch Wolfgang Etschmann vom Heeresgeschichtlichen Museum in einem Gespräch mit der Presse: „Es fehlt uns noch der letzte schlüssige Beweis“ aus den Moskauer Archiven für die Präventivschlagthese. Der Leiter des Museums, Manfried Rauchensteiner, setzt dem allerdings den wohlbelegten Stand der seriösen historischen Forschung entgegen: Stalin schätzte Hitlers Absichten völlig falsch ein, der angebliche Offensivaufmarsch der sowjetischen Streitkräfte an der Grenze erfolgte in letzter Minute in dem Irrglauben, sofort eine Gegenoffensive starten zu können. Für die Präventivschlagthese gibt es nach wie vor keine „schlüssigen Beweise“, auch in den Moskauer Archiven nicht, in denen Wolfgang Etschmann auch nie geforscht hat.

Fazit: Einen Megaskandal wie in Deutschland haben wir nicht, sehr wohl aber ist ein stilles Einsickern von bedenklichen Herrschaften in die geistigen Führungsbereiche des Heeres zu beobachten.

Schließlich noch eine Bemerkung zu einem verwandten Thema: Kürzlich habe ich hier argumentiert, der „rote Holocaust“ sei mit dem des Nationalsozialismus vergleichbar, aber für uns kein Grund zur Aufrechnung und Entschuldigung, weil die Verbrechen des Nationalsozialismus (im Gegensatz zu denen des Kommunismus) eben bei uns stattgefunden haben und wir daher die Verantwortung dafür trügen. Das hat der Philosoph Konrad P. Liessmann in einem _STANDARD-Gastkommentar als „geschichtsmetaphysische Sippenhaftung“ mißverstanden. „Verantwortung“ heißt in diesem Zusammenhang ganz unmetaphysisch, daß die heutige Generation eine Verantwortung für die Bewahrung der Erinnerung trägt.

1997 DER STANDARD