taz v. 11.12.97

Daß die Neonazi-Skandale in der Bundeswehr kein Ende nehmen, ist kein Zufall. Denn seit die Militärpolitik auf weltweite Kampfeinsätze setzt, zieht die deutsche Armee verstärkt Rechtsextreme an

Die neue Normalität

Gastkommentar von Wolfram Wette

Die Wahrheit steckt gelegentlich im scheinbar Nebensächlichen. Als die Hauptsache des Skandals um den Auftritt von Manfred Roeder wird derzeit der Tatbestand gehandelt, daß die renommierte Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg im Jahre 1995 den bekannten Neonazi als Vortragsredner eingeladen hat. Ebenfalls zur Hauptsache rechnet man, daß er - nach Vorlage des Manuskripts bei dem einladenden Oberst! - über ein hochbrisantes außenpolitisches Thema reden durfte, nämlich über seine privaten Aktivitäten zur Regermanisierung der Region Kaliningrad, früher Ostpreußen.

Dann kommt die Nebensache: das Verhalten der Offiziere. Sie, es sollen etwa 30 gewesen sein, fanden an der ganzen Veranstaltung nichts Anstößiges. Sie dinierten mit ihrem "unbekannten" Ehrengast und ergingen sich in allerlei Nettigkeiten. Das Zusammensein verlief "ganz normal". Als weitere Vorgesetzte vom Besuch des Rechtsextremisten erfuhren, wiegelten sie ab. In erster Linie dürften sie befürchtet haben, der Vorgang könne "nach außen dringen"; so trafen sie Maßnahmen, um dies zu verhindern. Auf den traditionsreichen Korpsgeist der Offiziere war auch diesmal Verlaß - zwei Jahre lang. Wie die Sache jetzt herauskam, wissen wir noch nicht. Hoffen wir, daß wenigstens einer der damals Anwesenden endlich den Mut fand, das einverständige Schweigen zu brechen.

Ernst zu nehmen ist die Beobachtung gutmeinender Kritiker, den beteiligten Offizieren habe es an "politischer Sensibilität" gemangelt. Sie hätten wohl gewußt, wer der Redner ist - so wird unterstellt -, und intern auf augenzwinkernde Kritik oder gar klammheimliches Einverständnis gehofft, aber nicht im nötigen Umfang abzuschätzen vermocht, daß der Vortrag eines prominenten Neonazis in der Führungsakademie draußen in der Zivilgesellschaft als Skandal und als ein politisches Alarmsignal gewertet würde.

Tatsächlich gibt es Rechtsradikalismus bei einer Minderheit in der Bundeswehr seit jeher. Die Militärpolitik der weltweiten Kampfeinsätze, die der Öffentlichkeit als "neue Normalität" verkauft wird, hat die Akzeptanz dieser Minderheit offenbar erhöht und manches freigesetzt, was früher tabu war. So sind die rechtsradikalen Gewaltvideos von Bundeswehrsoldaten zu lesen als Verbindungslinien zu kriegerischer Gewalt in der Geschichte wie in der Gegenwart. Mit den neuen Aufgaben der Bundeswehr wird zugleich das Problem Bundeswehr und Tradition neu vermessen. Politischer Wille und Truppenpraxis klaffen hier seit den Anfängen der Bundeswehr auseinander. Jetzt wird in Ansätzen sichtbar, wie weit es damit inzwischen gekommen ist.

In den offiziellen Politikerreden wird zumindest seit den Traditionsrichtlinien des sozialdemokratischen Verteidigungsministers Hans Apel aus dem Jahre 1982 ein mehr oder minder scharfer Trennungsstrich zur Geschichte der Wehrmacht gezogen. Diese Leitlinien sind bis zum heutigen Tage gültig. Die immer dichter werdende historische Forschung über die Verbrechen der Wehrmacht versperrte dem Bestreben des Apel-Nachfolgers Manfred Wörner (CDU), die Richtlinien im Sinne der Traditionalisten zu revidieren, den Weg. Als sich innerhalb der Bundeswehr, besonders aber in den Soldatenverbänden, in den letzten Jahren noch einmal ein Bündnis zur Verteidigung des Bildes von der "sauberen" Wehrmacht formierte, sah sich der verantwortliche Minister zur Stellungnahme genötigt. Im Oktober 1996 stellte Volker Rühe in einer Rede vor den Kommandeuren der Bundeswehr einmal mehr klar, die Wehrmacht als Institution könne wegen der von ihr begangenen Verbrechen keine Tradition begründen.

Aber Ministerworte sind eine Sache und die Truppenpraxis ist eine andere. Die große Mehrheit der Traditionalisten in der Bundeswehr hat über die Jahrzehnte hinweg ein positives, vom Nationalsozialismus abgehobenes Bild der Wehrmacht gezeichnet. Der Siegeszug dieses Nachkriegskampfes von Wehrmachtsoffizieren begann mit dem letzten Wehrmachtsbericht vom 9. Mai 1945. Er setzte sich fort in der Verteidigungsstrategie der Wehrmachtsgeneräle und ihrer Anwälte während der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse.

Zu ersten spektakulären politischen Erfolgen führte er Anfang der 50er Jahre, als der Nato-Oberbefehlshaber General Eisenhower und Bundeskanzler Adenauer - im Kontext des Kalten Krieges und der bevorstehenden Wiederbewaffnung - für die Masse der Wehrmachtssoldaten öffentliche Ehrenerklärungen abgaben. Sie prägten das geistige Klima der Bundeswehr in ihrer Aufbauphase. Die Truppenkommandeure griffen seinerzeit bei der Benennung von Kasernen wie selbstverständlich auch auf hitlertreue Generäle der Wehrmacht zurück. Das zähe Festhalten an Namen wie Dietl und Kübler bis in die allerjüngste Vergangenheit hinein läßt den enormen und anhaltenden Einfluß der Traditionalisten innerhalb der Bundeswehrführung erkennen. Vor diesem Hintergrund wird man wohl auch den Tatbestand sehen müssen, daß die Bonner Hardthöhe die Teilnahme von Bundeswehrangehörigen an der öffentlichen Wehrmachtskontroverse der letzten Jahre unterbunden hat. Offenbar wollte sie damit der Gefahr entgegenwirken, daß bekannt wird, wie etliche Bundeswehroffiziere wirklich denken. Will sagen: in welchem Ausmaß ihre Einstellung zur Wehrmacht im NS-Staat von der offiziellen Linie abweicht. Genau diese Abschottungsstrategie rächt sich jetzt.

Der bislang einmalige Skandal, daß der Rechtsterrorist Roeder in der Vorzeigeanstalt der Bundeswehr auftreten durfte, reiht sich ein in eine Serie von Erscheinungen, die alle etwas mit der "neuen Normalität" zu tun haben. Daß gestern bekannt wurde, daß auch ein Soldat der Elitetruppe "Kommando Spezialkräfte" auf einem Video mit Hitlergruß zu sehen ist, paßt ins Bild. Ohne "Normalisierung" sind die derzeitigen Skandale nicht zu verstehen.

Im Jahr 1997 sind in der Bundeswehr bereits mehr als 100 sogenannte "Besondere Vorkommnisse mit rechtsradikalem Hintergrund" ans Licht gekommen. Dies macht deutlich, in welchem Tempo eine Entwicklung voranschreitet, die fälschlicherweise noch immer kleingeredet wird.

TAZ Nr. 5405 vom 11.12.1997 Seite 12 Meinung und Diskussion
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