SZ vom 11.12.1997 / Meinungsseite
Volker Rühe, ein angeschlagener Reservist

Volker Rühe ist ein starker Minister, vielleicht der stärkste im Kabinett – und er weiß das und baut darauf seine politische Zukunft. Um so härter treffen ihn die braunen Affären der Bundeswehr. Sie zerren an ihm, an seinem Ruf und an seiner Souveränität.

Rühe, sonst ein Ausbund an Selbstbewußtsein, wird nervös. Er hat die Bundeswehr nach Kambodscha geführt, er hat sich der Oderflut entgegengestemmt – und nun ertrinkt er schier in der braunen Brühe, die ihm Tag für Tag entgegenschwappt. So in Not geraten, hat er am Mittwoch die Einzeltäter-Theorie, an der er sich bislang festgeklammert hatte, aufgegeben. Nun, nachdem wohl schon gegen 150 Soldaten ermittelt wird, will er in Auftrag geben, was er bislang stets abgelehnt hat: eine umfassende Untersuchung über gewaltverherrlichende und neonazistische Tendenzen in der Bundeswehr. Das kommt zu spät. Ist das noch der Befreiungsschlag für einen Minister, der sich zu Höherem berufen fühlt? Rühe hält sich bereit: Für den Fall, daß Wolfgang Schäuble als Kanzlerkandidat nicht antritt, steht er in Reserve. Rühe würde aber auch gerne Außenminister einer großen Koalition werden; deshalb hat er seine Feindschaft mit Theo Waigel begraben, um sich so die Zustimmung der CSU zu sichern. Und jetzt?

Rühe ist ein Mann von Verantwortung. Um so peinlicher muß es ihm jetzt sein, wenn er daran erinnert wird: „Es gibt in Deutschland zu Recht den Begriff der politischen Verantwortung. Wer soll diese übernehmen, wenn nicht ein Minister? Deswegen trete ich zurück – ohne Bitterkeit.“ So hat es 1993 Rühes Parteifreund Rudolf Seiters formuliert, als er nach den Pannen von Bad Kleinen als Bundesinnenminister zurücktrat. pra

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