FR v. 11.12.97

In einer braunen Inselwelt
Viel gefragt und nicht gesellschaftsfähig: Der Neonazi Manfred Roeder hat sich sein Milieu geschaffen

Von Axel Vornbäumen (Schwarzenborn)

Neulich hat Konrad Schneider abends mal wieder ferngesehen, das macht er sonst nur noch selten, das Programm sagt ihm meist nicht zu, zuviel Gewalt, zuviel "amerikanischer Mist". An diesem Abend aber kam Fußball, Australien gegen Iran. "Sie glauben ja gar nicht", sagt Schneider, "wie gerührt ich da war, wie die ihre Nationalhymnen gesungen haben."

Der Landwirt aus dem oberhessischen Seigertshausen, soviel ist klar, hätte gegen ein wenig mehr Inbrunst bei seinen Landsleuten zu gegebenem Anlaß nichts einzuwenden - und gegen manch anderes Lied aus der guten alten Zeit auch nichts. "Aber man tut ja so", fällt seine Frau ein, "als hätte der Hitler die selber geschrieben. Man darf ja nicht mal mehr deutsch denken." Und Schneider nickt.

Nächstes Jahr wird er 70, da blickt man schon mal zurück. Es ist eine ambivalente Retrospektive. Ansehen und Gerechtigkeit spielen in ihr eine zentrale Rolle: Ersteres hat er sich hart erarbeitet, in seinem Dorf, letztere nicht immer gespürt, in diesem Land. "Wir haben", sagt er, "unsere Pflicht gegenüber diesem Staat getan." Zwei Söhne hat das Ehepaar zur Bundeswehr "abgestellt", nicht leicht für einen Landwirt in diesen Zeiten, zumal dann, wenn er eine Bypaß-Operation hinter sich hat. "Sozial und deutsch" hat er in all den Jahren gedacht, inspiriert durch seinen sozialdemokratisch denkenden Vater - nun fehlen ihm auf politischer Bühne die Akteure, die beide Attribute kraftvoll miteinander verbinden.

Wer sich mit den Schneiders in ihrer guten Stube ein wenig unterhält, erfährt schnell, daß sich das Leben da draußen mit ihren Idealen schon lange nicht mehr zur Deckung bringen läßt: unsinnige Milchquoten, unartige Kinder, geschiedene Politiker, Arbeitslosenheere, Sexaffären, Kriminalität und leere Versprechungen. Und dann das Schweigen, das Schweigen über die Staatsverdrossenheit. "Nicht mal der Friseur", sagt Schneider, "darf doch heutzutage noch sagen, was er politisch denkt." Und dann kommt ein Satz, der dem Landwirt wichtig ist: "Mit Terroristen arbeite ich nicht zusammen."

Doch der offiziellen Lesart nach hat Schneider genau das getan: Er ist Erster Vorsitzender des "Deutsch-Russischen Gemeinschaftswerks, Förderverein Nord-Ostpreussen", ein Verein, der laut Verfassungsschutz "verfassungsfeindliche Ziele" verfolgt - dubios weit über den oberen Rand der Verträglichkeitsskala hinaus, nicht zuletzt durch die Mitgliedschaft einer der schillerndsten Figuren des rechtsradikalen Panoptikums: Manfred Roeder. Der ist Schneiders Vize.

Der verurteilte Neonazi Roeder wohnt nur ein paar Kilometer Luftlinie entfernt von Schneiders Hof, oben im Knüll. Daß der frühere Anwalt und Auschwitz-Verharmloser nun die politische Landschaft aufwühlt, weil er vor knapp drei Jahren an der Hamburger Führungsakademie der Bundeswehr einen Vortrag über eben jene "humanitären Projekte" des "Gemeinschaftswerks" gehalten hat - das hat Schneiders Weltbild eher zementiert. "Faschismuskeule", sagt der Bauer - und meint, wie nun die "Schmuddelpresse" sich über einen Mann hermacht, von dessen Grundanständigkeit nicht nur Schneider in dieser Gegend zutiefst überzeugt ist, dessen Wohltätigkeits-Engagement im tiefen Osten den Bauern vielmehr heute noch rührt: "Die sind uns damals um den Hals gefallen vor Freude."

Sechs wohlerzogene Kinder, eine wohlerzogene Frau, eine intakte Familie sogar während der Knastzeit, ein korrektes Äußeres inklusive geradem Scheitel und täglicher Rasur, Roeders höfliches Auftreten und seine Gottesfurcht haben als Kriterien genügt und alles andere nicht so wichtig erscheinen lassen. "Wir brauchten einen Mann, der nach außen hin redegewandt und auch mit der Presse", sagt Schneider, jemand anders habe er sich gar nicht leisten können, schon wegen seines Ansehens im Dorf.

Roeder also, Verfasser eines Vorworts zu Thies Christophersens Buch "Die Auschwitz-Lüge", Kriegsschuld-Leugner und Ex-Häftling. Dieser Roeder? "Mandela", sagt Schneider, "hat auch im Gefängnis gesessen. Und Luther auch." Und über Politik sei in all den Jahren, in denen es vornehmlich darum ging, alte Landmaschinen nach Ostpreußen zu schaffen, nie gesprochen worden. Und seine Schriften? "Die", sagt Schneider, "haben mich nie so interessiert."

Man muß entweder über einen Tunnelblick von besonderer Güte oder über eine gewisse Seelenverwandtschaft verfügen, um derartige Toleranz gegenüber jemandem zu entfalten, dessen Büro mit Nazi-Literatur vollgestellt ist: Hitlers "Mein Kampf"; "Deutschland, wie es wirklich war - 1000 Bilder, die das Fernsehen nicht zeigt"; ein Sammelband mit "Briefen an und von Himmler"; so geht das meterweise in den Regalen. An einer Wand lehnt die Deutschlandkarte in den Grenzen von 1937, an der anderen hängt eine "Ehrenurkunde", verliehen von einem Privatmann aus Reutlingen, der mit 5000 Mark die "Vaterlandsliebe" des Neonazis honoriert hat. Das Ambiente vertuscht nichts an Gesinnung - dem Mann, dem "notorisches Nazitum" nachgesagt wird, ginge dies auch gegen sein Naturell.

Seine Popularität in einschlägigen Kreisen ist ungebrochen, daß sie dieser Tage einen ungeahnten Schub erhält, ist eine Nebenwirkung der Mediengesellschaft, die Roeder nur wenig überrascht zur Kenntnis nimmt. Die Kamerateams geben sich auf "Haus Richberg" derzeit die Klinke in die Hand, ergiebig ist das allemal, auch wenn sie die Außenanlagen nicht filmen dürfen, "weil die Linken nur darauf warten, mir das Haus anzustecken". Dazwischen hastet Roeder zum ständig bimmelnden Telefon und spricht mit Leuten, die ihn anderntags als "üblen Neonazi" hinstellen, was Roeder nicht stört, wohl aber das ständige Klingeln, weswegen er "Mutti" schließlich anweist, die Anrufer zu vertrösten. Die sagt von sich selbst, sie sei "kein Neonazi" - und was ihr Mann mache, da habe sie ihm nie reingeredet.

Der schwimmt derweil auf der Welle seines größten Coups - durch die Vordertür ins Innere der Bundeswehr einmarschiert zu sein. Vom Effekt her ist das noch wertvoller als die auch nicht zu verachtenden Prügelszenen mit Autonomen anläßlich der Wehrmachtsausstellung in Marburg. Roeder hat sie auf Video und zappt sie herbei: Mit Transparent geht der 68jährige Knickerbockerträger da auf einen Autonomen los, bevor ihn ein Vermummter von hinten mit einem Knüppel auf den Kopf schlägt. Blutüberströmt steht er da. Roeder hat die Szene abfotografieren lassen und für sein Rundschreiben der "Deutschen Bürgerinitiative" verwendet. "Es gibt kein besseres Anschauungsmaterial", schreibt er.

Rastlos im Dienst der Sache versorgt er die Szene mit Flugblättern, Rundbriefen und allerlei Gedrucktem, was sonst noch die Gesinnung stabilisieren kann: Sein "Deutscher Jahresweiser", zum Beispiel, "Sprüche, Gedichte, Ermahnungen und Gedenktage". Zum 3. Oktober liest man da: "Noch leben 10 Mio Deutsche außerhalb des Landes, und ihnen darf niemals der Wunsch nach ,Anschluß' verwehrt werden. Noch ist ein Viertel unseres Siedlungsraumes unter fremder Verwaltung." Am 8. Oktober, dem Todestag Willy Brandts, steht: "Er war und blieb ein antideutscher Kommunist." Am 9. November, dem "deutschen Schicksalstag": "Mit den ewigen Bußübungen für einige zerstörte Synagogen aber muß endlich Schluß sein." So geht das Tag für Tag, durchsetzt mit halbfett gedruckten Sprüchen von Goethe, Schiller, Fontane oder - Roeder. Ein Kompendium rechtsradikaler Standardsprüche, wer sich mit Roeder länger unterhält, bekommt (zwangsläufig? das ist die große Frage) Auszüge daraus serviert - und der Personenkreis derer, die sich das einen Abend ganz gern mal anhören, füllt seinen Terminkalender. Am Wochenende haben die Republikaner angerufen, ob er nicht Mitglied werden will, aber deren Führungsriege ist ihm zu korrupt. Neulich war er in Leipzig und hat sich mit fünf jungen NPD-Mitgliedern über "religiöse Fragen" unterhalten, "wie in dieser Partei der Gottesglaube wieder Einzug halten kann".

Er würde, sagt Roeder, "auch 500 Kilometer reisen, um mit einem einzigen zu reden - mit jedem Deutschen, dem Deutschland am Herzen liegt". Doch meist ist das Kosten-Nutzen-Verhältnis positiver: In Hinterzimmern doziert der Rechtsextremist deutschlandweit zuweilen "vor breitem Publikum mit unterschiedlichster Sozialstruktur". Da kommt auch schon mal der Apotheker oder der freundliche Angestellte von der Bank, und beide nicken dann, wenn sie Roeders zentrale These hören, daß nun endlich Schluß sein müsse mit dem Schuldbekenntnis der Deutschen.

Auf solchen braunen Inseln im roten Meer bewegt sich der Neonazi Manfred Roeder mit seinem rot-braunen Weltbild, die Inseln sind zahlreich, und er bewegt sich gut. Und nur selten lassen sich seine Ausflüge in die feindliche Welt nicht in sein Koordinatensystem einordnen. So wie neulich. Da wollte er beim Turnverein im Nachbarort bei der Altengymnastik mitmachen, "um mich fit zu halten". Doch Roeder durfte nicht, zahlreiche Mitglieder drohten mit Austritt. "Ich war", staunt der alternde Nazi, "nicht gesellschaftsfähig."

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