SZ vom 09.12.1997
Vom Lieblings- zum Sorgenkind Die Führungsakademie

So schnell kann aus einem Lieblingskind des Verteidigungsministeriums ein Problemfall werden: Am 22. Mai dieses Jahres hat die Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg mit einem großen Fest und hochrangigen Vertretern aus Militär, Politik und Gesellschaft ihren 40. Geburtstag gefeiert. Der damalige Hamburger Bürgermeister Henning Voscherau nannte die Akademie eine „kleine UNO“. Und Verteidigungsminister Volker Rühe lobte ihren Beitrag „zur Einheit Europas“.

Ausgerechnet in diesem Milieu, das nie nationalen Mief, sondern Internationalität und Wissenschaftlichkeit ausstrahlte, konnte ein „Nazi aus dem Bilderbuch“ wie Manfred Roeder vor dem Verwaltungspersonal einen Vortrag halten. Für Christopher Kaatz, Sprecher der Streitkräfte in Bonn und selbst Absolvent der Akademie, ist die Sache klar: „Die sind auf Roeder reingefallen“.

Dieser Reinfall ist der erste schwarze Fleck in der Geschichte der Führungsakademie, deren Selbstverständnis dem demokratischen Leitbild des „Staatsbürgers in Uniform“ folgt und die, aufbauend auf den beiden Bundeswehrhochschulen in München und Hamburg, die erste deutsche Bildungsadresse für das militärische Führungspersonal ist.

Von Strauß gegründet

Der ehemalige Verteidigungsminister Franz Josef Strauß hat die Führungsakademie 1957 in Bad Ems gegründet. 1958 folgte der Umzug nach Hamburg. Seither werden in der Clausewitz-Kaserne und in der Graf-v.-Baudissin-Kaserne im noblen Hamburg-Blankenese deutsche Offiziere, aber auch zahlreiche internationale Militärs in einer Fülle von Lehrgängen weitergebildet. Allein den Grundlehrgang zum Stabsoffizier besuchen pro Jahr 350 deutsche Berufssoldaten im Rang eines Hauptmanns aus Marine, Luftwaffe und Heer. Daneben gibt es einen zweijährigen Generalstabslehrgang und einen einjährigen speziellen Lehrgang für Teilnehmer aus Nicht-Nato-Staaten, den sogar Militärs aus China wahrgenommen haben.

Das Programm der Akademie umfaßt, neben vielen Spezialangeboten, die Bereiche Führungslehre, Wirtschafts- und Betriebswissenschaft, Sicherheitspolitik und Gesellschaftswissenschaften. Unterrichtet wird von militärischen und zivilen Dozenten. Erst kürzlich hat der Generalinspekteur der Bundeswehr der Akademie aufgetragen, das Problem des Rechtsextremismus intensiver zu behandeln.

Der jetzige Leiter der Akademie, Rudolf Lange, hat mit dem Fall Roeder nichts zu tun. Er ist erst seit Januar 1996 im Amt. Lange hat sich vor allem für den „Dialog mit dem Osten“ stark gemacht. Das Verteidigungsministerium hat für den 56jährigen Konteradmiral auch schon Höheres im Sinn und hat ihn für den Posten des Koordinators der UN-Friedenseinsätze vorgeschlagen. „Wir sind eine offene Akademie. Es gibt bei uns keinen Rechtsextremismus“, hat Lange zum Vorfall Roeder gesagt. Könnte seine weitere Karriere jetzt am „unprofessionellen“ Verhalten (Lange) der eigenen Verwaltung scheitern?

Ein guter Ruf steht auf dem Spiel. „Ich habe die Akademie als Elfenbeinturm des ruhigen wissenschaftlichen Arbeitens erlebt“, erinnert sich Christopher Kaatz. Er hat die Ausbildung von 1985 bis 1987 absolviert und dabei „keinen Drill, sondern eine zivile Atmosphäre“ erlebt. Jetzt muß er auf der Bonner Hardthöhe Anfragen zum Fall Roeder beantworten, durch den mit dreijähriger Verspätung eine Vorzeige-Schule in die Kritik gerückt ist. Cornelia Bolesch

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