SZ vom 09.12.1997
Marinekameradschaft hat nichts dazugelernt
Fregatten fahren im braunen Sumpf
In der Buchreihe „Kameraden zur See“ wimmelt es von rechtsextremen Texten

Von Michael Stiller

München - Sie tragen, wo es nur geht, die Uniform der Bundeswehr. Sie treten beim bundesweiten Marinetreffen in Altmannstein (Kreis Eichstätt) auf und beschwören die „Bordgemeinschaft als aktive Angehörige der Kriegs- und Bundesmarine“. Sie sind gerngesehene Gäste der Bundeswehr und lassen sich auf stolz auf Marineschiffen oder an der Seite des verstorbenen Nato-Generalsekretärs Manfred Wörner abbilden.

Der Vorsitzende der Marinekameradschaft Altmannstein, Ernst Pfefferle und der Fregattenkapitän der Reserve Siegfried Harr aus Zimmern (Baden-Württemberg) haben sich einer besonderen Form der Traditionspflege verschrieben. Ernst bPfefferle, gegen den zur Zeit die Staatsanwaltschaft Ingolstadt wegen des Verdachts der Volksverhetzung ermittelt, gibt, unterstützt vom Reserveoffizier Siegfried Harr als Lektor, die Buchreihe „Kameraden zur See“ heraus, die sich an ehemalige und aktive Soldaten wendet und in der es von rechtsextremen Texten nur so wimmelt. Der Vortrag des Rechtsextremisten Manfred Roeder in der Hamburger Führungsakademie der Bundeswehr dürfte dagegen ein laues Lüftchen gewesen sein. Mit Band 13 „Was uns bleibt, ist die Erinnerung“ wurde in diesem Jahr der Schlußpunkt der Buchserie gesetzt.

Eichenumkränztes Hitlerbild

Was der Obermaat der Reserve, Hanns F. Marx, an Seemannsgarn beizusteuern hatte, gehört noch zu den harmloseren Beiträgen. Er war vor Jahren dabei, als drei japanische Zerstörer in Kiel festmachten: „. Doch, oh Schreck, da hatten die japanischen Freunde doch an der Stellung ein großes, eichenumkränztes Bild von Hitler aufgehangen. Damit wollten sie als ehemalige Kriegskameraden unseren ‘Führer’ ehren. Es blieb dann dem Bundesmarinekommandeur überlassen, den Japanern umständlich zu erklären, daß das heute nicht mehr so gegeben sei. Die Japaner aber hatten dafür kaum Verständnis, denn ihr Kaiser hängt ja heute noch überall. Wir aber, wir Alten, konnten uns natürlich ein Lächeln nicht verkneifen“.

Mit einem Photo in voller Marineuniform steht der Bundeswehrreservist Marx für diese Geschichte gerade. Der Militärattachee der japanischen Botschaft in Bonn, Oberst Inoue, hat in einem Brief an einen Rechtsanwalt entschieden widersprochen. Niemals habe sich dergleichen ereignet, beteuerte er.

Herausgeber Pfefferles Losung „Unsere Treue heißt Ehre“ erinnert an einen Spruch der SS. Sein Kamerad Harr wird im Band 13 als 1. Vorsitzender des Arbeitskreises Marinereservisten, Bezirksgruppe Freiburg im Verband der Reservisten der Deutschen Bundeswehr e.V. vorgestellt; im Zivilberuf ist er Lehrer für Deutsch, Geschichte und Biologie.

Gebet für den „Führer“

Neben dem Abdruck von Kriegserlebnissen und Lagebeschreibungen von ehemaligen „blauen Jungs“ finden er und sein Lektor, Reserveoffizier Harr, nichts dabei, ein „Gebet für Führer, Volk und Vaterland“ abzudrucken: „Große Leistungen in Krieg und Frieden entstehen nur in unerschütterlicher Kampfgemeinschaft von Führer und Truppe ... Herr Gott ... schütze insbesondere unseren geliebten Führer, den du berufen hast, unser Volk aus Not und Zerrissenheit wieder machtvoll zu einen. Halte deine schirmende Hand über sein Leben.“

Adolf Hitler wird unter „Worte deutscher Männer“ mit einem Gebet („Herr, wir lassen nicht von dir“) ohne jeden Kommentar zitiert. Aus dem „Gedenkbüchlein unseres Bordpfarrers Dr. Seeger“ wird der „Fahneneid des deutschen Soldaten“ dargeboten: „Ich schwöre bei Gott diesen heiligen Eid, daß ich dem Führer des deutschen Reiches und Volkes Adolf Hitler, dem obersten Befehlshaber der Wehrmacht unbedingten Gehorsam leisten und als tapferer Soldat bereit sein will, jederzeit für diesen Eid mein Leben einzusetzen“.

Ein Hitler-Aufruf an die Wehrmacht, ein Appell des Nazi-Großadmirals Rae-der „An die Kriegsmarine“ dürfen bei den Erinnerungsstücken der alten Kameraden nicht fehlen. Gleich mehrmals wird das Marine-Lied „Vorpostenboote auf Wacht“ abgedruckt. Eine Strophe lautet: „Doch wenn eines Tags eine Bombe mal kracht, dann ziehen wir stolz auf die ewige Wacht. Wir stehen und fallen, getreu unsrem Schwur: Es lebe Großdeutschlands Idee!“

Daß diese Naziparolen und die mit ihnen abgedruckten Hakenkreuze und sonstigen Insignien des Dritten Reichs nicht der kritischen Dokumentation halber abgedruckt werden, beweisen kommentierende Texte in der Buchserie. Großadmiral Karl Dönitz, im Nürnberger Kriegsverbrecherprozeß wie Raeder zu zehn Jahren Haft verurteilt, wird als „letztes Oberhaupt des Deutschen Reiches“ und als „deutscher Seeoffizier, dessen wacher Blick stets auf des Reiches gefährlichen Feind, auf England, gerichtet war“ in Schutz genommen. Der Nürnberger Prozeß gilt als „Verstoß gegen jede bisher bekannte Rechtsordnung“. Deutsche Kriegsgefangene, die einen SSler an die Holländer verrieten, werden als „deutsche Schweine“ bezeichnet. Die deutsche Kriegsschuld wird in Gedichtform geleugnet: „ Die brutalen Mordverbrechen Alliierter sind legal. Davon darf kein Deutscher sprechen, weil der Sieger es befahl. Nur die Deutschen müssen sühnen für erfundenes Gescheh’n, sollen fremden Mächten dienen, nur, um nie mehr aufzustehn“.

Vorsichtige Mahnung

Erst als im Sommer die in die Bundeswehr hineinreichenden Umtriebe der Buchautoren durch eine Eingabe ruchbar wurden, reagierte die Truppe mit einer vorsichtigen Mahnung an die für Personalführung zuständigen Offiziere. „In Publikationen, in denen sich auch rechtsextrmistische Inhalte wiederfinden, wurden Artikel und Berichte aktiver Marineoffiziere veröffentlicht.

Es handelt sich dabei vorwiegend um Erlebnisberichte oder historische Abhandlungen, die inhaltlich grundsätzlich nicht zu beanstanden sind“, heißt es in einer „A1-Information 1/97“ vom 1. Juli 1997. Es sei „kritische Distanz“ zu wahren, um eine Schädigung des Ansehens der Bundeswehr in der Öffentlichkeit zu vermeiden.

Es bedurfte dreier Nachfragen der Süddeutschen Zeitung beim Bundesverteidigungsministerium, bis sich am Montag einer seiner Sprecher, Fregattenkapitän Hans-Joachim Liedtke, zu einer öffentlichen Verurteilung der Pamphlete bereitfand. Kapitän zur See Steffen Lang vom Führungsstab hatte im Mai 1997 in einem Brief an einen Beschwerdeführer die Beiträge scharf verurteilt und versichert, daß die Soldaten „für den Erhalt und die Integrität unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung stehen“. Dem schloß sich FregattenkapitänLiedtke jetzt an.

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