Die Welt vom 8. Dezember 1997

Bundeswehr will im Fall Roeder hart durchgreifen

Neonazi hielt 1995 Vortrag an Führungsakademie

msl

Bonn/Hamburg - Das Bundesverteidigungsministerium hat eine gründliche Untersuchung zum Fall des rechtskräftig verurteilten Neonazis Manfred Roeder angekündigt, der 1995 vor Offizieren der Hamburger Führungsakademie der Bundeswehr einen Vortrag gehalten hatte.

Der Sprecher der Hardthöhe, Hans-Dieter Wichter, sagte am Sonntag, es werde nach eingehenden Prüfungen des "unglaublichen Vorgangs" gegebenenfalls "sehr harte Konsequenzen geben". Das Ministerium bestätigte einen Bericht des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel", wonach Roeder 1995 vor Offizieren der Akademie einen Vortrag zum Thema "Übersiedlung von Rußlanddeutschen in den Raum Königsberg" gehalten hatte.

Nach Informationen der WELT wurde Roeders Auftritt von einem Hauptmann vermittelt, der inzwischen aus der Truppe ausgeschieden ist. In die Einladung ist auch der Chef des Stabes der Akademie, ein Oberst, verstrickt. Unklar ist, ob der damalige Chef der Führungsakademie, General Hartmut Olboeter, von dem Vorgang wußte.

Roeder hatte in den siebziger Jahren das Vorwort für das Pamphlet "Auschwitzlüge" von Thies Christophersen verfaßt. Der Bundesverfassungsschutz stuft ihn als "Rechtsterroristen" ein. Der heute 68 Jahre alte Roeder wurde 1982 wegen der Beteiligung an mehreren Brand- und Sprengstoffanschlägen und wegen Bildung einer terroristischen Vereinigung zu 13 Jahren Haft verurteilt.

Bundesverteidigungsminister Volker Rühe (CDU) schrieb in einem Kommentar für "Bild am Sonntag", die in der jüngsten Zeit bekanntgewordenen Fälle rechtsradikaler Umtriebe lägen Jahre zurück. Sie seien zum Teil nur möglich gewesen, "weil Führung, Fürsorge und Dienstaufsicht nicht immer von der Hingabe und Konsequenz begleitet waren, die ich von jedem Vorgesetzten fordere". Gegen Rechtsextremismus werde er weiter "hart und unnachsichtig" vorgehen.

Der SPD-Verteidigungsexperte Walter Kolbow sagte im ZDF, die Roeder-Affäre treffe die Bundeswehr "ins Herz". Am Mittwoch werde darüber im Verteidigungsausschuß zu reden sein. Der Chef des Bundeswehr-Verbandes, Bernhard Gertz, sagte im ZDF, für den Vorfall gebe es keine Entschuldigung. Wer einen rechtskräftig verurteilten Rechtsterroristen einlade, der habe entweder "sträflich geschlafen" oder selbst braunes Gedankengut im Kopf.

Copyright: DIE WELT, 8.12.1997