taz v. 08.12.97

Neonazi schult Bundeswehrkader
Bundesverteidigungsminister Rühe in Erklärungsnöten

Kommentar Annette Rogalla

Ein Mantra soll helfen, den inneren Frieden zu finden. Verteidigungsminister Volker Rühe glaubt offensichtlich, stereotype Wiederholungen hülfen auch, das Ansehen der Bundeswehr zu retten. Tauchen Gewaltvideos auf, haben sie für ihn nichts mit Rechtsradikalismus in der Bundeswehr zu tun. Sie seien das "Produkt einiger rechtsradikaler Verirrter". Schlagen Wehrpflichtige Fußgänger zusammen und beschimpfen sie mit rassistischen Sprüchen, beschwichtigt Rühe: "Die Bundeswehr ist ein Spiegelbild der Gesellschaft." Wie können extreme Ausnahmen ein Spiegelbild sein? Die Frage nach der Rechtslastigkeit der Bundeswehr stellt sich der Minister erst gar nicht.

Auch beim jetzt bekanntgewordenen Skandal um den Neonazi Roeder windet sich die Hardthöhe. Statt des Eingeständnisses, daß bei seinen Führungskadern offensichtlich ein paar Sicherungen durchgebrannt sind, liefert sie die üblichen Beschwichtigungen. "Untersuchungen" seien angeordnet worden. Rühe hielt es gar nicht erst für nötig, sich zu äußern. Doch so leicht wird er sich diesmal nicht aus der Affäre ziehen können. Manfred Roeder hat seine revisionistischen Ideen nicht an einem Stricknachmittag vor ahnungslosen Rekruten vorgetragen. Er wurde ausdrücklich von Führungskadern eingeladen. Nun will man prüfen lassen, ob der damalige Chef des Akademie-Stabes überhaupt wußte, wer Roeder ist.

Für wie naiv hält das Ministerium sein Führungspersonal? Seit Jahren taucht Roeder in den Berichten des Verfassungsschutzes auf. Das Thema, das ihm am Herzen liegt, war identisch mit seinem Vortrag bei den Offizieren - die Ansiedlung von Rußlanddeutschen im heutigen Kaliningrad (ehemals Königsberg).

Offenbar hatten die Verantwortlichen Roeder gerade wegen seiner "Referenzen" eingeladen. Unglaubwürdig der Hinweis, sie hätten nicht gewußt, wen sie sich ins Haus holen. In die Bundeswehrakademie spaziert man nicht wie in eine Volkshochschule. Militärs wissen, wen sie hören wollen, prüfen genau, wer es verdient, zur politischen Bildung beizutragen. Wer Roeder zu sich bittet, würdigt den verbrecherischen Angriffskrieg gegen die Sowjetunion und will das nationalsozialistische Regime, das ihn befehligt hat, salonfähig machen. Manfred Roeder durfte eine pädagogische Stunde der Geisterbeschwörung abhalten. Volker Rühe sollte dies nicht verharmlosen.

TAZ Nr. 5402 vom 08.12.1997 Seite 1
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