Der Rest ist Schreiben
So pritty: Anne Frank würde heute siebzig Jahre alt

Im Besucherbuch stehen die üblichen Sprüche: Tina und Rosina waren hier und sehr beeindruckt und sind dankbar. „History comes alive“, steht da, aber auch das macht sie nicht wieder lebendig. Und dann das: „She’s so pritty!“

Am 18. Oktober 1942 schreibt Anne Frank neben ein Bild, das sie besonders niedlich zeigt: „Das ist ein Photo, wie ich mir wünschen würde, immer so zu sein. Dann hätte ich wohl noch eine Chance nach Holywood zu kommen. Aber zur Zeit sehe ich leider meistens anders aus.“ Da lebt sie schon drei Monate in der Amsterdamer Prinsengracht 263 und hat in der Zeit, wie sie für Kitty, die fiktive Adressatin ihres Tagebuchs, notiert, 17 Pfund zugenommen, „enorm, gell?“ An der Wand zeigt die Tapete noch Bleistiftstriche, mit denen ihr Vater die Größe der Töchter markierte. Anne Frank war gerade 13, als sie mit ihrer und einer befreundeten Familie untertauchte, und sie war 15, als am 4. August 1944 der Sicherheitsdienst kam, um sie zu deportieren. In ihrem Zimmer kleben noch Starbildchen von Deanna Durbin, Ginger Rogers, Norma Shearer und Ray Milland; gleich daneben die Kollaborateure Coco Chanel und Heinz Rühmann.

Gegen die Zumutungen im Versteck wappnet sie sich mit dem Schreiben, sie braucht es für später. „Mein liebster Wunsch ist daß ich einmal Journalistin und später eine berühmte Schriftstellerin werde.“ Wie jedes kleine Mädchen interessiert sie sich für Mode und für Hollywood und für Jungs. Über ihre erste Periode und ihre Brüste schreibt sie so innig, daß diese Partien in manchen Ausgaben lieber weggelassen wurden. Philip Roth malt sich im „Ghostwriter“ aus, daß Anne Frank überlebt hätte, nach Amerika gegangen wäre und studiert hätte. Im Wartezimmer beim Zahnarzt in Boston hätte sie die Titelgeschichte inTime entdeckt und ihren Nachruhm. Während sie darum bangt, in einen Kurs für Kreatives Schreiben aufgenommen zu werden, beschließt sie, niemals ihre neue Identität preiszugeben, weil sie sonst den didaktischen Erfolg ihres Tagebuchs gefährden würde. Der war gewaltig und erstreckt sich noch auf einen japanischen Zeichentrickfilm, auf einen preisgekrönten Prachtwagen beim Blumenkorso und Büstenhalterreklame für die Besucher des Theaterstücks, das am Broadway lief. „Mir träumte“, sagt da eine gewiß theaterbegeisterte Dame, „ich wäre in meinem Maidenform-BH zum ,Tagebuch der Anne Frank‘ gegangen“. Nach der Vorstellung meinte eine gerührte Besucherin, daß man doch wenigstens dieses Mädchen hätte verschonen sollen.

Der Irrealis ist vielleicht doch mehr als eine grammatikalische Mühsal. Siebzig Jahre wäre Anne Frank heute. Sie gehört zum gleichen Jahrgang wie die anderen Jubelsenioren dieses Jahres, neben Habermas, Kempowski, Rühmkorf, Enzensberger, Baumgart, Christa Wolf, nur daß die Schriftstellerin Anne Frank nicht gefeiert wird. Sie liegt in einem Massengrab in der Lüneburger Heide. Gras und dürres Kraut ist über die Sache gewachsen. Das Tagebuch hat überlebt.

Was aber würde sie heute machen? Könnte sie sich überhaupt, wie Sigrid Löfflers herbe Kritik an Peter Handke lautet, „aus der Diskursgemeinschaft ausschließen“? Nein, sie müßte mitquargeln für und gegen den Krieg, müßte Symposien zum Holocaust schmücken und unbedingt auch noch was zu den belgischen Dioxin-Eiern sagen.

Sie war so schön. WILLI WINKLER

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- Süddeutsche Zeitung. Diese Seite wurde am 11.06.99 um 21:39 Uhr erstellt. SZonNet 3.1
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