Anne Frank. Vom Mädchen zum Mythos.
David Barnouw

Rund 25 Millionen Bücher wurden bisher verkauft. In der Prinsengracht entstehen zusätzliche Ausstellungsräume. Es gibt eine Mediothek und ein Auditorium. Derzeit unterzieht sich Annes Hinterhaus einer Restaurierung. Hunderttausende Menschen besuchen es jährlich. In ihrem Tagebuch hat sie der Welt ihre Ideale mitgeteilt. Alle Aktivitäten des Anne-Frank-Fonds entspringen der Intention, sie zu verbreiten. Längst ist Anne Frank, ein jüdisches Mädchen mit großem schriftstellerischen Talent, daß dem sinnlosen Zerstörungswahn der Nazis zum Opfer fiel, zu einem Mythos geworden. Jeder Mythos erlangt nicht nur ewiges Leben, sondern erhält seine magische Kraft auch durch seine Widersprüchlichkeit. Um diese Tendenzen und um alles, was den Mythos Anne Franks ausmacht, geht es in diesem Buch.

Ist es wahr, daß viele Verlage das Tagebuch zunächst ablehnten? Wie groß ist der Einfluß ihres Vaters auf sein Zustandekommen? Wurde Anne Frank als Waffe im Kalten Krieg benutzt? Konnten Hollywood, DEFA, der Broadway oder sonstige Theater ihrer Geschichte und dem, was sie aussagt, gerecht werden? Was begründet den phänomenalen Erfolg der Aufzeichnungen eines unbekannten Mädchens? Wie kann es sein, daß die Authenzität des Tagebuches immer wieder bestritten wird? Wie war Anne Frank wirklich?

David Barnouw, der Mitredakteur der wissenschaftlichen Ausgabe des Tagebuchs ist, gibt hier einen interessanten Einblick in alle Verstrickungen, die sich um Annes Vermächtnis ranken. Wir erfahren von den Schwierigkeiten, ihre Geschichte auf die Bühne zu bringen. Genau werden die Gerichtsverfahren um die Echtheit der Aufzeichnungen dargestellt. Vielfältig fallen die Interpretationen des Lebens der Anne Frank aus. Haarsträubend sind manchmal die Versuche, eigene Interessen in einer fremden Geschichte unterzubringen. Genaue Recherchen geben darüber Auskunft, an welchen Stellen des Originaltextes etwas wann und warum verändert wurde und wie brauchbar die Übersetzungen in die einzelnen Sprachen sind.

Der Mythos Anne Franks ist lebendig in der ganzen Welt. Und auch wenn es immer wieder Anfeindungen, Verzerrungen und Richtigstellungen geben wird, die Grundmessage dieses Buches ist an die Grundmessage des Tagebuches eng angelehnt. Die Anne-Frank-Stiftung und Millionen von Lesern werden entsprechend ihrer Zeit und ihrer Natur immer wieder eine neue Anne schaffen, doch nichts wird dagegen einzuwenden sein, wenn es eine Anne für eine bessere Welt ist, die trotz ihrer schlimmen Erfahrungen stets an daß Gute im Menschen geglaubt hat. --Daphne Unruh

Kurzbeschreibung
Als Otto Frank 1947 das Tagebuch seiner Tochter Anne verlegen ließ, konnte noch niemand ahnen, welche Bedeutung es schon bald erlangen würde. Postwendend wurde das Werk übersetzt, für die Bühne adaptiert, verfilmt und in ein Musical verwandelt. Anne Frank war zum Mythos geworden. Doch inwieweit wurde ihr Werk in den verschiedenen Adaptionen verfremdet? Welche Rolle spielte dabei auch Annes Vater Otto? Was geschieht mit den Millionen, die der Anne-Frank-Fonds in Basel mit dem Buchverkauf verdient?