14. Januar 1997
Die geheime Welt des Teenagers Anne Frank

Bislang unveröffentlichte Teile des berühmten Tagebuchs zeigen ein neues Bild der Symbolgestalt jüdischen Schicksals

Die Londoner "Times" druckt in dieser Woche Auszüge aus dem neuen "Tagebuch der Anne Frank". Das berühmteste Buch der Holocaust-Literatur, das weltweit schon in einer Auflage von über 20 Millionen Exemplaren verkauft worden ist, liegt endlich in einer werkgetreuen Ausgabe vor. Vater Otto Frank, der als einziger seiner Familie überlebte, nahm in den ersten Nachkriegsjahren Streichungen vor, die dem Zeitgeist seiner Generation entsprachen. Daß seine Tochter Anne als 14- und 15jährige schon sexuelle Gefühle hatte, schien dem Vater nicht wichtig. So etwas verschwieg man lieber. Die neue Buchausgabe bestätigt nun endgültig: Anne Frank, längst Symbolgestalt des jüdischen Schicksals, war schon als junge Kindfrau eine Autorin, die genau das konnte, was allen guten Schriftstellern vorbehalten ist. Sie zeichnete ihre Gedanken und Empfindungen auf, ohne auf die Empfindlichkeiten ihrer Umwelt Rücksicht zu nehmen

Von Claus Geissmar


Als am 12. Juni 1929 in Frankfurt am Main amtlich ihre Geburt registriert werden mußte, schrieb der Standesbeamte mit steiler Schrift in die deutsche Geburtsurkunde: "Annelies Marie Frank". Otto Frank, der Vater der neuen kleinen Staatsbürgerin, arbeitete als Banker in der Mainmotropole, die auch damals schon ein Mittelpunkt des deutschen Banken- und Börsengeschäfts war.

Vier Jahre später, als Adolf Hitler in Berlin die Macht ergriffen hatte, flüchtete die deutsche, jüdische Familie Frank nach Holland. Die kleine Annelies war kaum vier Jahre alt. Sie hieß nun nur noch Anne, was etwas unverfänglicher war. Anne lernte Holländisch, aber konnte immer noch ihre deutsche Muttersprache. Denn für ihre Eltern Edith und Otto Frank blieb es die Sprache, in der sie sich am wohlsten fühlten.

Es dauerte noch ein paar Jahre, ehe der Gebrauch von Deutsch sogar lebensbedrohend werden sollte. Als das Hinterhaus (Achterhuis) in der Prinsengracht Nr. 263 von Amsterdam aus demselben Grund ein Versteck werden mußte, war die kleine Anne erst zehn Jahre alt.

Ihre holländischen Tagebuchaufzeichnungen beginnen am 12. Juni 1942, dem Tag ihres 13. Geburtstages. Das ist der Tag, an dem aus kleinen Mädchen nach englischem Sprachgebrauch Teenager werden. Nur knapp 26 Monate lang hat der Teenager Anne Frank bis zum 1. August 1944 in der eigenen Kladde gekritzelt. Dann kamen Hitlers SS-Häscher, die die Familie Frank nach Auschwitz und später nach Bergen-Belsen brachten. Anne Frank ist im März 1945 in Bergen-Belsen ums Leben gekommen.

Am 12. April 1945 haben britische Truppen das KZ erreicht. Es befand sich in einem Zustand, für dessen Beschreibung dem menschlichen Verstand alle Worte fehlen. Die Briten brauchten 14 Tage, ehe sie die Zahl der täglich weiterhin Sterbenden auf unter 100 senken konnten. Unter den wenigen Überlebenden, die zur damaligen Altersgruppe von Anne Frank gehörten, gibt es viele, die niemals über ihre Erinnerungsbilder von Bergen-Belsen sprechen konnten.

Darunter ein 15jähriger aus Nürnberg, der in Amsterdam Anne Franks Nachbar war. Seine Eltern starben im Februar 1945 in Bergen-Belsen. Der 15jährige überlebte, kam nach England und heiratete erst 1970 eine Engländerin. Weder seiner Frau noch seinen beiden Söhnen hat er jemals eine Silbe über das KZ sagen können. Wenn man heute mit diesem 67jährigen Briten aus Nürnberg spricht, kann er immer noch Deutsch - so wie damals seine Nachbarin Anne Frank - mit holländischem Akzent.

Eine andere Überlebende ist Anita Lasker-Walfisch, seit Jahrzehnten Cellistin des Londoner Kammer-Orchesters. Die geborene Breslauerin wurde im Alter von 15 Jahren die Cellistin des Frauenorchesters von Auschwitz. Von dort nach Bergen-Belsen gebracht, hat sie die Befreiung durch britische Soldaten erlebt, später England erreicht und dann Jahrzehnte geschwiegen. Erst als sie Enkel hatte, schrieb sie ihre Erinnerungen auf. Ihr Buch ist in deutscher Übersetzung vor einem halben Jahr erschienen.

Als 1946 Anne Franks "Het Achterhuis" veröffentlicht wurde, war die ganze Welt erschüttert. Es dauerte noch drei Jahre, ehe das "Tagebuch der Anne Frank" auch als deutsche Fassung in deutschen Buchhandlungen lag, von denen manche noch neben Trümmergrundstücken standen. Die moralischen Trümmer, die zwischen den Zeilen dieses Buches lagen, haben schon damals am besten die jungen deutschen Schülerinnen und Schüler der ersten Nachkriegsjahre begriffen.

Mit ihren Eltern und Lehrern konnten sie nicht darüber sprechen. Die Erwachsenen jener Zeit stürzten sich in den Wiederaufbau. Steine wieder aufeinander zu bauen, war einfacher. Die Moral der Deutschen wieder aufzubauen, schien unmöglich. Ahnte diese Generation, daß es noch ein halbes Jahrhundert später Autoren geben würde, die in dieser ganzen Generation Hitlers willige Vollstrecker sieht?

Die Autorin Anne Frank, die drei Monate vor ihrem 16. Geburtstag im KZ-Bergen-Belsen starb, konnte das Ausmaß der moralischen Katastrophe ihres Vater- und Mutterlandes zwar ahnen. Aber das volle Wissen darüber, daß ihr eigenes Schicksal auch das Schicksal von Millionen anderen war, ist ihr erspart geblieben.

Umso erschütternder ist der neue Beweis ihres echten Tagebuchs, in dem sich die Gedanken- und Gefühlswelt eines schriftstellerisch begabten Mädchens offenbart. Selbst an der Schwelle zu ihrer ersten Jugendliebe gebraucht sie Worte, die erst für die Teenager der Nachkriegsgenerationen selbstverständlich geworden sind. Daß sie sogar das deutsche Wort "Geschlechtsteil" und "Vagina" niedergeschrieben hat, erschreckte noch nach ihrem Tod den eigenen Vater.

Er strich es aus der ersten Veröffentlichung des Tagebuches. Nun aber läßt sich nachlesen, daß Anne Frank mit dem 16jährigen Peter van Daan nicht nur über solche Themen gesprochen hat, sondern daß sie ihm auch ihre ersten kleinen schriftstellerischen Stücke vorlas. Zum Beispiel die Geschichte in der sich "Cady und Hans über Gott unterhalten".

Die Welt der Anne Frank war die ganz normale Welt aller Gleichaltrigen. Sie entdecken ihre eigene Sexualität und sprechen zugleich über Gott und die Ewigkeit. Der Teenager Anne Frank hat es bis zu dem Tag tun können, an dem Erwachsene kamen und ihre Welt vernichteten.


©Berliner Morgenpost 1997