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Holocaust und HollywoodEin Besuch bei Steven Spielbergs Shoah-Stiftung, die Teil des Holocaust-Mahnmals in Berlin werden könnteVon Eggert Schröder In der fensterlosen Kammer surren sechzehn Videokopiermaschinen. Matthew Chuck schiebt die Lautstärkeregler nach oben. In Hebräisch, Griechisch, Kroatisch, Russisch oder Englisch füllt sich der schlauchartige Raum nun mit den Schilderungen derjenigen, deren Bilder auf den Videoschirmen flimmern. Sie zählen zu denen, die die Vernichtung der Juden überlebt haben. «Hören Sie», flüstert Chuck, «die Kadenz in den Erzählungen ist ganz gleich.» Die Lebensgeschichten dieser einzelnen Menschen mögen sehr verschieden sein, doch sie teilen alle die gleiche Erfahrung: den Holocaust. Während in Berlin über das Holocaust-Denkmal und eine mögliche Beteiligung der Shoah Foundation gestritten wird, hat die Stiftung in Los Angeles ihr erstes Etappenziel erreicht. Die vom Regisseur Steven Spielberg im Anschluß an den Film «Schindlers Liste» ins Leben gerufene Stiftung hat in nur vier Jahren nahezu 50 000 Überlebende der Judenverfolgung interviewt. Die in Barracken am Rande eines Parkplatzes in Hollywood untergebrachte Stiftung beginnt nun die zweite Phase ihrer Arbeit. Die auf Video aufgezeichneten Erinnerungen müssen technisch aufgearbeitet, katalogisiert und schließlich der Forschung und der Allgemeinheit zugänglich gemacht werden. «Wir haben zu Hause deutsch gesprochen, aber testen sie mich bitte nicht», sagt Daisy Miller. Unmittelbar im Anschluß an die unschuldige Einführung stellt die warmherzige, silberlockige Dame klar, daß auch sie zu den Überlebenden zählt. Daisy Miller führt ihren Besucher vor eine Weltkarte, auf der zwischen Kalifornien, Südafrika und den entlegensten Regionen Sibiriens Dutzende von roten Nadeln heften, die anzeigen, wo die Shoah Foundation Überlebende gefunden und interviewt hat. Material für 13 Jahre DauerfernsehenEine weiße Tafel in einer anderen Barracke zeigt den Stand der Arbeit an: In 56 Ländern wurden bislang 49 526 Interviews geführt, davon 19 093 in den USA, 8126 in Israel, 640 in Deutschland. Im Durchschnitt dauert ein Interview zweieinhalb Stunden. Das längste Gespräch erstreckte sich über mehr als 17 Stunden. «Wollte jemand das ganze Material sehen, müßte er dreizehn Jahre, einen Monat und 25 Tage vor dem Bildschirm sitzen», sagt Daisy Miller. Spielberg hatte der von ihm ins Leben gerufenen Stiftung nur wenige Vorgaben gemacht: Die Interviews sollten im Haus oder in der vertrauten Umgebung des Überlebenden geführt werden. Die Standkamera sollte Kopf und Oberkörper des Interviewten zeigen. Das Interview sollte in der dem Überlebenden vertrautesten Sprache geführt werden. 31 Sprachen waren es bisher. «In Kroatien und Bosnien haben wir Überlebende unter Kriegsbedingungen interviewt. In der ehemaligen Sowjetunion haben wir Behörden bestochen, damit uns Strom für unsere Kameras zugeteilt wurde. Wir haben Überlebende interviewt, die bis heute aus Angst vor Verfolgung ihren Kindern verschwiegen hatten, daß sie Juden sind», berichtet Daisy Miller. Nicht jedes Familienbild zeigt ein Happy-EndAlle Interviews folgen einem ähnlichen Muster: Jeweils 20 Prozent des Gespräches behandeln die Zeit vor und nach dem Krieg. Auf diese Weise dokumentiert die Shoah Foundation nicht nur den Holocaust, sondern erstellt auch ein umfassendes Bild des jüdischen Lebens in Europa vor 1933. Die Interviews enden mit einem Familienbild. Kritiker bezeichnen diese Vorgabe Spielbergs als «Happy-End à la Hollywood». Mit etwas verfinsterter Mine entgegnet Michael Berenbaum, der Direktor der Stiftung: «Keiner dieser Kritiker hat die Stiftung in den letzten drei Jahren besucht. Bei weitem nicht jedes Familienbild ist ein fröhliches Bild.» Die Shoah Foundation beschäftigt 200 Mitarbeiter und Tausende Freiwillige, darunter 3400 Personen, die die Interviews führen. Diese Interviewer, meist Lehrer, Geistliche, Psychologen oder Journalisten, werden in fünftägigen Seminaren ausgebildet. Künftige Frager studieren gute und schlechte Beispiel-Interviews, führen Test-Interviews durch. Die Interviewer sollen nicht nur die nötige Einfühlsamkeit, sondern auch ausreichende Geschichts- und Sachkenntnisse über die Verfolgung der Juden mitbringen. In einem 40seitigen Fragebogen werden vor jedem Gespräch biographische und genealogische Daten des Überlebendes sowie seine Lebensgeschichte im Groben erfaßt, so daß der Interviewer sich vorbereiten kann. Interviewer und Überlebender treffen einander eine Woche vor dem Gespräch, um vertraut zu werden. Es ist unumgänglich, daß trotz Vorbereitung manche Überlebende die Befragung als unsensibel empfinden. «Für jeden Klagebrief erhalte ich 25 Briefe, die unser Vorgehen preisen», entgegnet Michael Berenbaum. Psychotherapeuten helfen Interviewern oder Mitarbeitern der Stiftung - falls nötig - , die mit ihrer Arbeit verbundene seelische Belastung durchzustehen. Trotzdem geht es in der Stiftung durchaus fröhlich zu. In einer Barracke wird gerade «Happy Birthday» gesungen, während vor der Tür drei kleine Kinder toben. In Los Angeles eingetroffen werden die Videobänder erst kopiert und wandern dann in die Katalogisierungsabteilung. Um die Menge des Materials zu bewältigen, arbeiten die Katalogisierer in Schichten rund um die Uhr. Alle Namen, die in den Interviews auftauchen, werden unmittelbar indiziert, genauso angegebene Daten und Orte. Historiker indizieren die Bände dann weiter unter 10 000 Schlüsselbegriffen. Unterlaufen dem Erzählenden Fehler, verwechselt er etwa eine historisch gesicherte Jahreszahl, dann versehen Historiker das Interview mit einem Text-Vermerk, den der Video-Nutzer später aufrufen kann. «Erstaunlich ist, wie präzise die Erinnerungen dieser Menschen sind. Es geht hier um ganz einschneidende Erlebnisse in ihrem Leben, die sich ins Gehirn eingravieren und auch nicht verschwimmen», sagt Christian Nath, einer der derzeit drei deutschen Mitarbeiter der Shoah Foundation. Die Stiftung meidet das InternetMit ihrer Arbeitsweise betritt die Shoah Foundation Neuland. Die wissenschaftliche Nutzung mündlicher Überlieferungen als Quelle steckt noch in den Kinderschuhen. «In der Regel handelte es sich bislang um wortwörtliche Tonbandaufnahmen. Jede Transkription kommt dann mit nur fünf oder sechs Schlagworten», sagt der aus Kiel stammende Historiker Nath. «Das ist weit entfernt von den 10 000 Schlüsselbegriffen, die im elektronischen Katalog miteinander gekreuzt werden können. Zudem kommt die emotionale Komponente. Sie können einem Menschen in die Augen schauen. Das sagt mehr als viele Bücher.» Bislang sind erst 2000 Interviews voll indexiert. Doch bereits jetzt zeichnet sich ab, daß das Archiv eine Fülle bislang unbekanner Fakten zum Holocaust hervorbringen wird. Überlebende berichten übereinstimmend von Lagern, die bislang nicht einmal dokumentiert sind. Diejenigen, die den Holocaust am liebsten aus ihrem Gewissen abschieben würden, wird das Archiv, mit neuen unbequemen Fakten konfrontieren, etwa über die Verstrickung von Polizei, Wehrmacht oder Hitlerjugend in die Ermordung der Juden. «Geschichte wird in der Regel aus der Sicht der Sieger geschrieben. Hier kommen 50 000 Opfer zu Wort», sagt Nath. Am Ende wird die Shoah Foundation ihr Material der Öffentlichkeit zugänglich machen. Fünf Orte sind bereits benannt: Das Simon-Wiesenthal-Zentrum in Los Angeles, das Holocaust-Museum in Washington, das jüdische Museum in New York, das Fortunoff Archiv an der Universität Yale und die Gedenkstätte Yad Vashem in Israel. Berlin wäre der sechste Ort, wo die Stiftung die Öffentlichkeit an ihr Quellenmaterial führen wird. Die Shoah Foundation hält sich aus der Debatte über Holocaust-Denkmal und die möglichen Varianten der Unterbringung des Archivs bewußt heraus. «Das ist Sache der Deutschen», sagt Michael Berenbaum. Der Zentralrechner mit der Kapazität von 150 000 normalen Computern wird zur Zeit per mit den vier amerikanischen Außenstellen vernetzt. Israel wird per Satellit angeschlossen. «Bis in Berlin eine Entscheidung gefallen ist, wird es auch die technischen Voraussetzungen geben, per Glasfaserkabel die Teile des Archivs nach Europa zu übermitteln», sagt Chuck. Das Internet wird die Shoah Foundation meiden, weil die Aussagen der Überlebenden dort nicht vor ungewolltem Zugriff Fremder sicher sind. Bislang hat die Shoah Foundation 70 Millionen Dollar für ihre Arbeit aufgewandt. Spielberg ist der wichtigste Einzelspender, jedoch bei weitem nicht der einzige Geldgeber. Die Stiftung mag im Schatten Hollywoods entstanden sein, und hat sicherlich einen Elan gezeigt, der für die Geschichtsforschung eher ungewöhnlich sein mag. Doch inzwischen hat die Stiftung mit Hollywood sehr wenig zu tun. «Hollywood wird schnell im abfälligen Sinne benutzt, doch wir können uns auch auf ein Hollywood berufen, daß große Dinge hervorgebracht hat», sagt Berenbaum. Ohne Steven Spielberg wäre es nie so schnell gegangen. «Und die Zeit ist essentiell», sagt Matthew Chuck, «denn jeden Tag sterben Überlebende.» Berliner Morgenpost, 28. November 1998 |
© 1999Birgit Pauli-Haack 1997