Interviews

Der KriT-Apfel für Birgit Pauli-Haack
Februar 1997
KriT:(...) Auf Deiner Homapage problematisierst Du Zensur
im Netz (Anm. die Site ist nicht mehr aktiv) und seit kurzem machst Du mit Ralf P. Graf das Shoah Project
gegen Fremdenhass und Nazi-Ideologie. Was motiviert Dich zu politischem
Engagement im Web?
Birgit: Die Auseinandesetzung mit dem Holocaust hat begonnen, als ich
noch auf der Schule war; die Nation war erschuettert von dem
vierteiligen amerikanischen Film "Holocaust" und ich auch. Ich
begriff erst durch die Schicksale der Filmfamilien, was die
Naziherrschaft im täglichen Leben einer jüdischen Familie bedeutet
hat. Wie die ganze Nation schon Jahrzehnte fragte sich auch
Klein-Birgit "Wie war das möglich!" Für mich stellte sich auch noch
eine andere Frage: "Wieso haben sich die Juden nicht gewehrt?"

Seitdem habe ich ziemlich viel gelesen: Fast alles von Lion
Feuchtwanger, Leon Uris, Sebastian Haffner, Albert Speer, natürlich
auch Daten, Fakten, Hintergründe....im Moment lese ich von Victor
Klemperer: "LTI (Lingua Tertii Imperii) Notizbuch eines Philologen
über die Sprache des Dritten Reiches".

Nun bin ich erzogen im Respekt
für Andersdenkende, geübt in der (manchmal wirklich schwierigen)
Toleranz der Meinung anderer, ausgestattet mit einem ausgeprägten
Gerechtigkeitssinn. Daß nun ausgerechnet das absolut freie
und chaotische Internet staatlichen Stellen zur Begierde ihrer
Zensurmacht wird, halte ich nicht für richtig.

So gern ich die menschenverachtenden
Neonazis mit ihren Hetzparolen daraus verbannt sähe, und so sehr ich
es begrüße, daß Nazipropaganda in Deutschland verboten ist, halte ich
Zensurbestrebungen im Internet für einen Rückschritt im
demokratischen Prozeß.

Und zwar aus einem Grund: Wenn andere Nationen
die deutsche Argumentation zur Zensur von Nazis übertragen auf ihre
spezifischen Belange: China-gegen Dissidenten, Iran-gegen westlichen
Lebensstil, selbst die USA mit ihrem Indecent Act, dann wird im
Internet bald nichts mehr zu sehen sein, außer verschleierten Frauen,
Hygienevorschriften für die Bürgersteige in Singapur, und Autowerbung
von VW. Wer legt denn die Maßstäbe fest? Wie wollen wir z.B. China
klar machen, daß Meinungsfreiheit im Internet ein höheres Gut ist als
die Machterhaltung der kommunistischen Partei, wenn wir nicht
sonderlich sorgfältig mit unserer eigenen Meinungsfreiheit umgehen
und Zensur von Internetinhalten im eigenen Land zulassen?

Wenn ich also Nazis vor diesem Hintergrund nicht aus dem Netz
verbannen kann, muß ich etwas dagegen setzen. Im Land der Täter gibt
er sehr wenig zu diesem Thema. Ralf P. Graf hat auf seiner Homepage
ähnliche Inhalte und wir haben uns regelmäßig ausgetauscht. Daraus
ist nun das gemeinsame Shoah Project geworden. Für uns hat es wenig
Sinn den zahlreichen Linkslisten zwei weitere hinzuzufügen.

Also pflegen wir nur eine und wollen mit dem Rest der Site Inhalte
bieten. Hintergrundinformationen zu bestehenden Projekten (z.B.
nizkor.org), Geschichten von Überlebenden, Dialog mit
Holocaust-Forschern in den USA, den sog. MedienSurf mit der
Information aus der Presse und vom Buchmarkt. Außerdem möchten wir
die wenigen deutschen Seiten anderer Anbieter versuchen, in die Site
einzubinden. Den es gibt wirklich gute Sachen, die ziemlich schwer im
Wald des Internets aufzufinden sind. (...)


Ralph Segert, KriT - Journal hat
Birgit Pauli-Haack interviewt.

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